Fanzines über dem Tellerrand

Obwohl Fanzines etwas Gestriges anhaftet, sind sie noch immer angesagt – vielleicht nicht unbedingt in der Rollenspielszene, aber anderswo. Fanzines kommen ja aus der SF-Szene und haben auch in anderen Subkulturen (ganz besonders der Musik) ihre Ableger gehabt. Ich erinnere mich, dass ich in Berlin in der Bergmannstraße noch vor 10 Jahren ein Drahtgittergestell im Eingangsbereich eines Szeneladens sah, in dem gefühlte -zig (Musik? Mode?) Fanzines hingen.
Bei der Recherche zu diesem Monat habe ich sogar ein brandaktuelles (englisches) Print-Fanzine gefunden, das sich Computer-Games widmet – und passenderweise sogar exklusiv Computer-RPGs!

Ich habe persönlich nur in einem anderen Bereich mit Fanzines zu tun gehabt, und das waren Comics. In den 80ern und 90ern gab es so einige Fanzines, die von Nachwuchskünstlern betrieben wurden. Heike Anackers Plop war der Dreh- und Angelpunkt der Szene. Ich habe immer besonders gerne Cobalt 40 und Zebra gelesen. Und Menschenblut, das sowas wie ein deutsches EC Magazin war und die Mathias Schultheiss eine erste Bühne gab.

Aber wie Rollenspiel-Fanzines sind auch Comic Fanzines heute eher selten geworden. Es sei denn, man schaut nach Japan; dort ist mal wieder alles anders. Dort gibt es eine blühende Doujinshi-Szene, in der es so viele Fan-Zeichner mit selbstverlegerischen Ambitionen gibt, dass es zweimal im jahr eine Messe allein für diese Produkte gibt.
Der Comiket ist eine Großveranstaltung, die alles in den Schatten stellt, was wir hier an Spielemessen haben: 560.000 Besucher (doppelt so viel wie die Frankfurter Buchmesse, dreimal so viel wie die Leipziger Buchmesse, viermal so viel wie die Spielertage Essen), stundenlanges Anstehen, Stände, die nur für einen Tag gebucht werden können, weil es nicht genug Ausstellungsfläche gibt und zudem die Tage Themen haben. „Stand“ meint in diesem Zusammenhang übrigens einen gemieteten Tisch nebst Stühlen – so wie die Artist Alley auf dem VIECC letztes Wochenende.

Der Comiket („Comic Market“) ist ein Phänomen, denn es handelt sich um die größte geduldete Urheberrechtsverletzung, die es gibt. Denn der absolute Großteil der Geschichten in den in kleinen Auflagen, aber professionell gedruckten Heftchen (ca. 20 Seiten stark, ein echtes Kontrastprogramm zu den in Japan üblichen Telefonbuch-Comics) erzählt neue Abenteuer mit den großen und bekannten Helden der Manga-Welt. Doujinshi sind Manga-Fan-Fiction – und wenn dieser Begriff komische Assoziationen hervorruft, wird man diese alle bestätigt finden. Mit „Fan Fiction“ verbindet man ja leichthin als erstes Kirk+Spock-Fantasien (oder dieser Tage Twilight-inspirierte Stoffe, die selbst zu Bestsellern werden…), und Doujinshis bedienen diese Klischees gerne.

Manga-Fans sprechen von „Pairings“, wenn sie Charaktere (auch unterschiedlicher Serien) miteinander verkuppeln. Aber nicht nur Medien des eigenen Marktes werden in Doujinshis ausgeschlachtet, natürlich gibt es auch reichlich Hollywood-Ware: Harry Potter, Lord of the Rings, Doctor Who, es gibt nichts, was es nicht gibt.
Aber fairerweise muss man sagen, dass sich längst nicht alle Inhalte um „Schmuddelkram“ drehen. Ich habe fantastisch gezeichnete Lord-of-the-Rings-Doujinshis gesehen, aber wegen des hohen Preises liegen gelassen. (So ein 20-Seiten-Heft kann gerne mal 15-20 EUR kosten!)

Das Bemerkenswerte an der Doujinshi-Szene ist, dass sie insgesamt längst eine wirtschaftliche Dimension erreicht hat, die auch Umsätze aus der kommerziellen Verlagslandschaft abzieht. Und dennoch tut die gesamte Verlagslandschaft in Japan so, als ob es sie nicht gäbe.
Denn Comiket ist die größte Talent-Show des Mangamarktes und sehr viele heutige Star-Mangaka haben als Doujinshi-Zirkel angefangen. Die bekannteste Gruppierung ist CLAMP, ein Zirkel aus 4 Zeichnerinnen, die besonders in der 90ern bahnbrechende Serien hatten (xxxHoliC, Tsubasa Reservoir Chronicle, X 1999, Heroic Legend of Arislan).

Doujinshi gibt es auch im japanischen Rollenspielmarkt: Dragon Nursery ist z.B. ein Spiel des Maid-Autors Ryo Kamiya, das als Doujinshi erschienen ist, und manche Spiele erhalten Supplements im typischen Doujinshi-Format. Doch da verwischen so langsam die Grenzen zwischen Fanzines (Fan-Zeitschriften) und Fan-Modulen oder -Quellenbüchern.

Im eingangs verlinkten Fanzine-Index sind übrigens auch drei Rollenspiel-Zines gelistet: Warrior Express, Der Letzte Held und Panem et Circenses.

Dies beendet den Rollenspiel-Karneval „Fanzines“, der im November 2015 begangen wird. Teilnehmende Blogs werden in dem Eröffnungsbeitrag auf RSP-Blogs.de gelistet.

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