Rollenspiel auf dem Vienna Comic Con

VIECC2015
Am letzten Wochenende war die Premiere einer neuen Messe, die als etwas völlig Neues gehypt wurde: der erste Comic Con nach amerikanischem Vorbild, der auf europäischem Boden abgehalten wird. Und wer weiß, wie diese Veranstaltungen aussehen, wird auch nicht der falschen Erwartung aufgesessen sein, dort das Titelthema „Comic“ im Fokus zu sehen, denn solche Messen sind längst zu Multimediamessen geworden, mit einer Konzentration auf Kino und TV. Wie wenig „Comic“ dann tatsächlich zu sehen war, hat mich dennoch überrascht.
Und ich war auch gespannt, was ich dort an Rollenspielthemen entdecken würde – Ludus Leonis hatte sein Erscheinen ja angekündigt.

Die VIECC („Vienna Comic Con„) ging über zwei Tage. Es war rappelvoll in der Halle, die Messe war bereits im Vorfeld ausverkauft. Leider gab es für die Besucher nicht so richtig viel zu tun oder zu sehen, denn das ist schon fast die gesamte Halle gewesen:VIECC_Halle

Am anderen Ende des Geländes, drei (nichtgenutzte) Hallen weiter, gab es noch ein Bühnenareal, auf dem u.a. der Cosplaywettbewerb und die Künstler-Q&As stattfanden.

Die Aussteller waren ein Sammelsurium aus der Entertainment-Branche: Nintendo, Ubisoft, Sky, Netflix, die östererreichische Kette Libro – aber ausgerechnet die großen Comic-Verlage glänzten durch Abwesenheit. Wenn nicht die Manga-Labels Tokyopop und KAZÉ Manga dem Veranstalter ein Alibi gegeben hätten, wäre das Medium Comic nur noch durch die zahlreichen Fan-Zeichner, eine Handvoll Ehrengäste und ein paar Händler vertreten gewesen.
Und dabei war das Publikum alles andere als Manga-affin, weshalb die ebenfalls reichhaltig anwesenden J-Merchandise-Händler insgesamt auch sehr unzufrieden mit dem Zuspruch und den Umsätzen waren – und die Besucher unzufrieden mit der Animelastigkeit der Aussteller, wie man in den Facebook-Kommentaren lesen kann.

Das Ding gleich am Eingang war natürlich der Blickfang und die am häufigsten fotografierte Attraktion der ganzen Messe, Darth Vaders TIE-Fighter:VIECC_TIE

Überhaupt waren Filmprops angesagt. Man konnte sich in Michael Knights K.I.T.T. fotografieren lassen oder auf dem Thron, auf dem niemand zu lange sitzt (weshalb ich nicht so ganz verstehen kann, warum darum so verbissen gekämpft wird…).VIECC_KITT    VIECC_Thron

An dem Preischild kann man sehen, was „Comic Con nach amerikanischem Vorbild“ bedeutet – es gibt zwar Attraktionen, aber für die muss man in der Regel extra zahlen. Für die Signierstunden der amerikanischen Künstler musste man „Token“ (Einzahl wie Mehrzahl) erwerben: für ein Autogramm 25 EUR, für ein Foto mit dem Star 20 EUR. Hier kann man sehen, was der Veranstalter sich erhoffte – die Maßnahme der Crowd Control nennt man wohl Optimismus…VIECC_Signierschlange
(Zu dieser Zeit – eine Stunde nach Öffnung der Halle – wären auf der Leipziger Buchmesse die Schlangen für die Verlosungen der Manga-Signierstundenplätze einmal quer durch die Halle gegangen!)

Doch was gab es nun für Rollenspieler zu tun oder zu sehen?

Ludus Leonis war in der Zeichnerallee („Artist Alley“) vertreten, zwischen Mangamädchen und österreichischen Superhelden. Hier erklärt Markus gerade die Regeln von Nip’ajin:VIECC_LudusLeonis

Auf der anderen Seite der Halle war ein österreichischer Rollenspielverein vertreten (Athenaes Siegel), der Demorunden u.a. von Star Wars und Finsterland veranstaltete. VIECC_AthenaesSiegel

In der gleichen Ecke waren auch Tabletopper, sowie Mittelalter- und Star-Trek-LARPer zu finden.VIECC_WoWKeepers

VIECC_LeadersDer für mich bemerkenswerteste Spiele-Stand war wohl Leaders, an dem ein neues Axis & Allies-ähnliches Spiel vorgestellt wurde. Das besondere Element an dem Spiel ist, dass man es mit Tablet-Unterstützung spielt. Hier waren eigentlich zu jeder Zeit zwei Demorunden aktiv.

Thema des Spiels ist der Kalte Krieg. Als Kennedy, Adenauer, de Gaulle, Mao und andere Größen der Geschichte steuert man die Machtblöcke und versucht, Einfluss auf die Weltgeschicke zu nehmen. Man betreibt Forschung und Diplomatie, wobei die App dabei verdeckte Aktionen wie Spionage oder Sabotage ermöglicht. Ich hatte leider keine Zeit, es auszuprobieren… ich hätte gerne gesehen, ob das Tablet das Spiel bereichert oder nur ein Gimmick ist.

Hat sich die Reise gelohnt? Nun, wenn ich nicht beruflich auf der Messe gewesen wäre, hätte ich das alles als Geldverschwendung angesehen. (Rollen)Spiele habe ich hier ja nicht wirklich erwartet. Aber auch sonst war die Messe einfach zu klein und es gab nicht genug zu sehen, um damit 2 Tage zu füllen. Die Halle hatte man in 2-3 Stunden mehrmals durchmessen (obwohl es auch Stimmen gab, die meinten, die Gänge seien zu eng gewesen und man kam nirgends durch), und die Preise der Gastronomie (Kaffee 3,90 EUR !!!) verleiteten nicht gerade zum Bleiben. Allerdings war das Wetter auch nicht gut genug, dass man sich Wien hätte ansehen können…

Comic-Cons en masse

Der Vienna Comic Con wird von einem global agierenden Messeveranstalter organisiert, der weltweit so einige Medienmessen auf die Beine stellt (MIPCOM und MIPTV in Cannes, PAX in Seattle, mehrere Comic Cons in den USA, wenn auch ausgerechnet nicht den bekanntetsten in San Diego). Mit einem so erfahrenen Player und Kontakten in allen Medienbereichen war eigentlich der Grundstein für einen Mega-Event gelegt – sollte man meinen. Doch das Ergebnis irritierte:

  • VIECC_NetflixNetflix hat als (Haupt?)Sponsor die ganze Halle eingekleidet. Bis in die Waschräume (!) verfolgte einen die Werbung für die neue Marvel-Serie Jessica Jones. Netflix selbst hatte dann aber bloß einen Mini-Stand in der gleichen Optik der Plakate, die ohnehin überall hingen, mit einem kleinen Fernseher, auf dem Trailer liefen. Mehr nicht. Kein Ehrengast, und was am meisten verwundert: nicht einmal eine Vorführung der Pilotepisode.
  • Es gab einen (zugegeben, imposanten) Deadpool-Aufsteller, neben dem eine Trailerschleife lief.
  • VIECC_ConstantinConstantin Film hatte einen Mini-Stand, der nichts anderes enthielt als mit Mockingjay-Kinoplakaten hastig beklebte Wände und einen Pappaufsteller. Kein Flyer, keine Trailer, kein Press Kit, keine Kinoposter zum Mitnehmen, einfach gar nichts.
  • Die „Stars“ hatten nicht ganz die Größe, die man von US-Veranstaltungen erwarten würde. Für den Startschuss einer europäischen Comic Con in diesen Tagen hätte hier eigentlich Star-Wars-Prominenz auflaufen müssen.

So war das alles nicht Fisch, nicht Fleisch. Für das echte USA-Gefühl war alles zu klein, zu provinziell. Für Filme und TV war einfach zu wenig Film da. Für Comics waren zu wenig Comics da. Alles in allem fühlte sich der erste VIECC ein wenig an wie die RPC, nur ohne Rollenspiele…

Der Vienna Comic Con ist nur der erste einer Flut von Comic-Cons, die den deutschsprachigen Raum überziehen. Schon am nächsten Wochenende findet der German Comic Con in Dortmund statt – ich bin gespannt, was dort anders gemacht wird. Und im nächsten Sommer kommt noch der Comic Con Stuttgart, der von den FedCon/RingCon-Machern organisiert wird. Dabei hätte ich mir gewünscht, dass die Veranstalter ihre Kräfte bündeln, statt haufenweise Konkurrenzveranstaltungen aus dem Boden zu stampfen. Denn drei deutschsprachige Comic Cons nach US-Vorbild braucht niemand. Und nach dem Startschuss wird der VIECC es schwer haben…

Aber ganz ehrlich, ich kann mir nicht vorstellen, dass auch nur eine der drei neuen Messen dem Comic Salon Erlangen inhaltlich-qualitativ das Wasser wird reichen können. Sollen die Film- und Serien-Fans ruhig die „so genannten Comic-Cons“ frequentieren – als Comic-Leser wird man weiterhin nach Erlangen pilgern.

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7 Antworten zu Rollenspiel auf dem Vienna Comic Con

  1. greifenklaue schreibt:

    Wie waren denn die Eintrittspreise?

  2. Mondbuchstaben schreibt:

    Muss ich am Montag im Programmheft nachgucken, das im Büro liegt.

  3. greifenklaue schreibt:

    Ja, danke, vermutlich auch nicht günstig – trotzdem spannend. Eine deutsche Variante gibt es wohl auch, via LORP entdeckt (beim Fanzinebilder raussuchen …):
    -> http://www.lorp.de/magazin/newsflash/show.asp?id=1736

    Da kostet es 20-25 Euro, fast günstiger als gedacht, Gäste „etwas bekannter“ scheint mir. Ist ja schon nächstes WE …
    -> http://www.germancomiccon.com/de/

  4. Mondbuchstaben schreibt:

    Das hatte ich im Artikel schon erwähnt, auch den anderen deutschen Comic Con im Sommer 2016.
    Ich werde berichten, denn ich werde auch da sein…

  5. greifenklaue schreibt:

    Ja, stimmt, jetzt weiß ich auch, wieso ich das im Hinterkopf hatte, als ich es bei LORP las … Und dann noch in Stuttgart, das ist ja echt … nicht wenig.

  6. Pingback: Media Monday #231 | Greifenklaue's Blog

  7. Mondbuchstaben schreibt:

    So, die Eintrittspreise in Wien waren:
    Samstag: 29 EUR (bei Kauf vor dem 13.11. nur 25 EUR), Kinder 8 EUR
    Sonntag: 25 EUR (bei Kauf vor dem 13.11. nur 21 EUR), Kinder 8 EUR
    Wochenende: 45 EUR (bei Kauf vor dem 13.11. nur 41 EUR), Kinder 15 EUR

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