Das Rollenspiel-Quartett/-Quintett

Ich habe mir immer schon gewünscht, dass die Jury des Deutschen Rollenspielpreises sich in Person zusammenfinden könnte, um im Stil des Literarischen Quartetts über die Finalisten des Wettbewerbes (= die beiden Auswahllisten) zu streiten. Der Transparenzgewinn für den Preis wäre immens.

Leider standen dem in den ersten beiden Jahren unüberwindliche Hürden im Weg. Zunächst einmal der Preis kein Budget, das eine solche Aktion finanzieren könnte. Eine Reise aller Jurymitglieder an einen zentralen Ort, der zudem einen geeigneten Raum bietet, der als Kulisse fungieren kann, plus die Kosten für die Kameracrew und die Nachbearbeitung … das summiert sich schnell zu einem Betrag, den man nicht mehr privat aufbringen kann und möchte.

Das eigentliche Problem wäre aber die Unmöglichkeit gewesen, überhaupt einen Termin zu finden. Der Zeitplan des Preises ist derart eng gestrickt, dass in dem Zeitraum, in dem man eine solche Aufnahme machen müsste (spätestens 7-10 Tage vor der Bekanntgabe der Gewinner, um noch ausreichend Zeit für eine adäquate Nachbearbeitung des Videos zu haben), entweder die Sieger noch gar nicht feststehen und/oder die Jury-Mitglieder nicht verfügbar sind. Bislang waren in jeder Jury Teilnehmer, die während der Tätigkeit im Ausland weilten und auch ich war durch meine Wochenendtätigkeit auf Conventions alles andere als terminlich flexibel.

Was bringt mich ausgerechnet jetzt auf dieses Thema? Natürlich die Wiedergeburt des Literarischen Quartetts, die gestern im ZDF ausgestrahlt wurde, und die ein Paradebeispiel dafür ist, wie man es nicht machen sollte. (Hier verlässt dieser Beitrag kurz die Rollenspielrelevanz.)

Die Gehetztheit der Sendung und die spürbare Unruhe mögen zumindest teilweise der Tatsache geschuldet gewesen sein, dass es sich um eine schwierige Premiere handelte, und die Beteiligten sich der übergroßen Fußstapfen bewusst waren, in denen sie wandeln sollten. Teilweise.

Viel schwerer wog allerdings die brutal verkürzte Sendezeit, die eine Auseinandersetzung mit den Büchern eigentlich unmöglich machte. 45 Minuten für 4 Bücher, das macht abzüglich Anmoderation etwa 10 Minuten pro Buch, die sich auf 4 Kritiker aufspalten – 2 Minuten Inhaltsvorstellung (inklusive biografischer Daten, falls diese relevant sein sollten), bleiben 2 Minuten für jeden Diskussionsteilnehmer, um seinen Eindruck wiederzugeben und auf Meinungsbilder zu reagieren. Völlig klar, dass das in einem Sich-gegenseitig-ins-Wort-fallen enden musste!

Kaum jemand, der seinen Satz zu Ende sprechen durfte, geschweige denn seinen Gedankengang herleiten und ausformulieren konnte. Besonders Maxim Biller ist mir als Störenfried negativ aufgefallen. Und Christine Westermann, die in Zimmer frei problemlos gegen den immens präsenten Götz Alsmann besteht, blieb hier erschreckend im Hintergrund. Kein Buch wurde zu einem Abschluss besprochen, unvermittelt ging es zum nächsten Titel weiter, und dann … war die Sendung plötzlich aus.

Hoffen wir, dass das bloß Startschwierigkeiten sind. Die Nervosität der Protagonisten wird abnehmen und sich Routine einstellen. Die neuen Köpfe haben sich ja schon Freiheiten mit dem Format geleistet: allein die Idee, zum Abschluss die Bewertung als Fußballergebnisse zusammenzufassen, hat Charme. Und wenn Biller die Rolle des Unsympathen spielen soll, dann ist er so gecastet, um „Feuer“ in die Runde zu bringen; dann will ich auch das hinnehmen. Aber die Beschränkung auf 45 Minuten lässt für die Zukunft kaum Besserung erwarten, denn dies ist ein strukturelles Problem.

„… Kopf hoch“?

Zurück zum Rollenspiel…

Für ein Rollenspielquintett kann man daraus lernen:

  • Zwei Sendungen, eine für jede Shortlist/Kategorie. 3 Titel pro Kategorie macht bei 5 Leuten mit jeweils geschätzten 5 Minuten Redezeit pro Titel immer noch eine Länge von 75 Minuten, plus Anmoderation und Vorstellung der Jury also 90 Minuten pro Sendung. Das verlangt immer noch reichlich Sitzfleisch von dem Zuschauer und sprengt die Länge eines typischen YouTube-Videos, aber bei dem Gegenstand finde ich das durchaus angemessen.
    Man kann nicht alles auf mundgerechte Häppchen von „einsdreißig“ kürzen, und wenn dem Preis schon vorgeworfen wurde, dass ihreMeinungsfindung mehr Transparenz vertragen könnte (dem stimme ich durchaus zu!), dann muss man auch das Sitzfleisch aufbringen wollen, die Gedankengänge kennenzulernen, und ein Streitgespräch der Jury empfinde ich als das ideale Format dafür.
  • Mir ist nicht erinnerlich, dass im alten Quartett derart freimütig die Plots und Enden der Romane gespoilert wurden wie das gestern bei Der dunkle Fluss und Macht und Widerstand geschah.
    Ich würde mir für Rollenspielabenteuer und Kampagnenwelt-Geheimnisse jedenfalls wünschen, dass sie nicht so breitgetreten werden. Das verlangte dann extremes Fingerspitzengefühl von der Jury und der Diskussion, falls für ein Jurymitglied genau die (besonders gelungene oder misslungene) Pointe ausschlaggebend für die finale Bewertung war, aber das hätte eine ganz eigene Spannung.
    (Ich stelle mir das gerade für Engel vor…)
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6 Antworten zu Das Rollenspiel-Quartett/-Quintett

  1. Sorben schreibt:

    An sich wäre das ein schönes Rollenspielformat, aber ich für meinen Teil würde es wahrscheinlich eh nicht kucken, weil ich den Preis für nicht relevant halte. Damit will ich die Arbeit und das Engagement dahinter bestimmt nicht schmälern, aber derartige Preise sind allerhöchstens für Verlage, Designer oder Marketingmenschen wichtig, für mich als Konsument ist es belanglos, ob ich ein Rollenspiel des Jahres spiele. Es kommt darauf an, ob ich es gut finde und um das zu entscheiden, kucke ich mir im Vorwege lieber Hangouts oder Sendungen a la TableTop an. Letzteres wäre eher ein Format, das im reinen Pen & Paper fehlt.

  2. Ein sehr guter Beitrag!
    Eventuell könnte man solch eine Preisdiskussion als Podcast machen?

  3. Infernal Teddy schreibt:

    Die Idee gefällt, und müßte nicht mal auf den DRSP beschränkt werden.

  4. greifenklaue schreibt:

    @Sorben. Aber selbst wenn man den Preis für belanglos hälst. Der Diskurs in einer solchen Sendung wäre ein Gewinn für alle Seiten (Preis, Transparenz, Jury, Kunde und … zumeist auch Produkt und Verlag).

    Ich glaub, ich würde das durchaus gern gucken.

  5. yennico schreibt:

    Das Rollenspiel-Quartett/-Quintett könnte man mit Webcams und Google Hangout kostengünstiger durchführen als mit eigener Anreise aller Teilnehmer zum zentralen Drehort und eigener Kameracrew.

    Es wäre optimal, wenn das Streitgespräch über die FInalisten des DRSP vor der Siegerprämierung stattfindet, aber als Nachbetrachtung zur Siegerehrung, wo die Entscheidung der Jury begründet wird, wäre es für mich auch vorstellbar.

    Ein Vorteil der kompetenten DRSP-Jury ist es, dass sie alle Finalisten kennen, gelesen und im besten Fall auch selber gespielt haben sollten.

    Sicherlich kann ich mir das Rollenspiel-Quartett/-Quintett als interaktive Rezension eines Rollenspielprodukts vorstellen. Die Blutschwerter, damals hießen sie Aktion Abenteuer, haben das mit „In your Face“ bei Marvel Heroic Roleplaying http://blutschwerter.de/thema/a-a-in-your-face-ausgabe-1-marvel-heroic-roleplaying.74977/ schon mal gemacht. In der zweiten Episode von In your Face ging es dann um das Thema Crossplay.

    Wie kritisch ein Rollenspiel-Quartett/-Quintett mit einem Rollenspieprodukt wäre könnte möglicherweise beeinflusst werden, wie der Teilnehmer des Rollenspiel-Quartett/-Quintetts sein zu besprechendes Exemplar bekommt. Ist es ein vom Verlag gesponsertes Rezensionsexemplar oder hat er es sich selber gekauft? Letzteres würden Fanboys eines Systems, die eine positivere EInstellung zum System haben, auch machen. Kritiker eines Systems würden dieses nicht kaufen und nicht lesen.

    Im Gegensatz zu Rezensionen von Büchern gehört bei mir in eine Rezension eines Rollenspielprodukts auch die (am besten selber getestete) Spielbarkeit.

    Ich finde die Idee des Rollenspiel-Quartett/-Quintett grundsätzlich interessant. Ob ich es schauen würde hinge von den zu besprechenden Rollenspielprodukten und den Teilnehmern ab. Wenn man das ganze schon als Video macht, dann sollte man bei der Erstellung auch die Möglichkeiten des Videos nutzen und nur die des Audioformats. Für nur Audio wäre ein Podcast besser, den könnte man auch nebenbei hören.

  6. Sorben schreibt:

    @Greifenklaue. Mag sein und ich lasse mich auch gerne überzeugen, allerdings bin ich skeptisch, da ich annehme, dass auch bei 90 Minuten die Zeit nicht reichen wird, auf die einzelnen Systeme inhaltlich einzugehen, sondern es zu einer oberflächlichen Abhandlung kommt, die meiner Ansicht nach nicht über den Werbetext des Verlages hinausgeht. Aber wie gesagt, eine Chance könnte ich einem solchen Format gerne geben. Wäre, abgesehen vom DRP, an sich vielleicht mal eine Idee, so ein Format zu etablieren.

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