Ein Pfund Gehacktes, bitte

Das Hacken von Systemen ist in Mode. Manche Spiele tragen die Tatsache, dass sie Remixes anderer Spiele sind, mit Stolz im Namen: Whitehack, Old School Hack

Natürlich haben schon früher Rollenspieler ihre Lieblingssysteme für Hintergründe oder Genres adaptiert, für die sie gar keine Detailregeln im Werkzeugkoffer hatten. Gewiss haben Scharen von Spielern B/X und die Traveller LBBs um Laserschwerter und Jedi-Fähigkeiten erweitert, um in „vor langer Zeit einer fernen Galaxis“ in den Trümmern des Todessterns nach Lord Vader zu suchen.

StarWars-Hacks

In den Neunzigern wurde ich in Hannover Zeuge mehrerer, aufwändiger „Hacks“:

  • Shadowrun-Fantasy-Hackeine Star-Trek-TNG-Runde, die nach Cyberpunk-Regeln spielte
  • eine (im allerweitesten Sinne) Stargate-Runde, die nach Midgard-Regeln spielte
  • und eine Gruppe, die das Shadowrun-System als „EDO“-Fantasy-System adaptiert und sogar veröffentlicht hatte

Letzteres ist der Punkt, der den Unterschied zu heutigen Hacks ausmacht: Früher waren Regeladaptionen eine (weitgehend) private Angelegenheit, die im besten Fall zu Artikeln in Fanzines oder einer Handvoll gehefteter Ausdrucke führten.
Heute wird fast alles gehackt, was nicht schnell genug auf den Bäumen ist, und es wird als PDF, PoD frei oder kommerziell veröffentlicht.

Der größte Schub an Hacks kam mit der Freigabe der D&D-Regeln im Jahr 2000. Plötzlich sprudelten Genre-Varianten von D&D hervor, manche holpriger und unpassender als andere: SF, Cyberpunk, Horror, Steampunk, Anime, Superhelden. Manche waren 1:1-Übertragungen der Regeln, andere interpretierten und veränderten die Regeln bis hin zum Totalverlust der Kompatibilität (Mutants & Masterminds, dK).

d20-Hacks

Ähnliches spielte sich in der Old School Renaissance ab. Ging es in der ersten Generation der OSR-Spiele nur um eine möglichst orginalgetreue Rekonstruktion vergriffener Editionen, setze bald ein echter Spieltrieb ein. Die interessantesten Abwandlungen des Ur-D&D haben Kevin Crawford, Simon „BoL“ Washbourne und John Stater vorgelegt:

OSR-Hacks

Manche Hacks werden erfolgreicher als ihr Ausgangsmaterial: Aus FUDGE wurde FATE, das eine nicht enden wollende Flut eigener Hacks ausgelöst hat.

FUDGE-Hacks

Auch Dungeon World hat mutmaßlich mehr aktive Spieler als das inspirierende Apocalypse World.
Norbert Matausch hat großartige *World-Hacks vorgelegt, die sich glücklicherweise aus World of Dungeons (dem Dungeon-World-„Microlite“) ableiten (und nicht der Vollversion, von der ich keine hohe Meinung habe): Advanced World of Dungeons und ganz aktuell Pink Mohawk – letzteres ist sogar ein gleichzeitiger Hack zweier Systeme!

 

FATE und *World dürften die derzeitigen Lieblinge der Hacker sein. Fast jeden Monat erscheint irgendwo ein neues FATE Genre/Setting und die *World-Engine gebiert ein eigenständiges System nach dem anderen.

Ich liebe Hacks. Besonders dann, wenn exotische Systeme in stinknormale, generische, 08/15-Fantasy konvertiert werden.
Generische Fantasy ist für mich so etwas wie der Stein von Rosetta – sie hilft mir, Systeme zu vergleichen, statt zwischen den Zeilen zu lesen und aus einem Vulkanier einen Elfen ableiten zu müssen.
Wie sehen die archetypischen Talente eines Waldläufers in In Nomine Satanis aus, wie ein Feuerball in Cyberpunk, wie ein Statblock eines Orcs oder Nazguls in Mechwarrior?

Fantasy-Hacks

Dennoch gibt es Systeme, die nie das Herz eines Hackers erwärmt haben. DSA hat z.B erst in jüngster Zeit Hacks erfahren, allerdings sind das „nur“ von der Old School Renaissance inspirierte Wiederverfügbarmachungen stillgelegter Editionen: Das Abenteurer Spiel oder Abenteuer!

Denn kurioserwise sehe ich unter DSAlern keinerlei Ambitionen, das System auf andere Settings anzuwenden. Ich habe noch nie von einem DSA Mittelerde gehört, oder DSA Earthdawn, oder DSA Cyberpunk, oder DSA Star Wars (dabei dürfte es wohl kein anderes System unter der Sonne geben, das bisher nicht für Star Wars gehackt wurde, von BESM über Unisystem zu Dogs in the Vineyard und Lady Blackbird…)

Anders herum wird Aventurien gerne mit vielerlei anderen Systemen bespielt: man hört immer wieder von Savage World, FATE, und mir ist sogar schon der ewige Konkurrent D&D begegnet…

(Was sagt das eigentlich über das System DSA aus?)

Was ich wirklich gerne einmal sehen würde, sind (generische Fantasy-)Hacks dieser Systeme:

Fantasy-Hack-Wunschzettel

Dieser Beitrag wurde unter Gedankenspiel, Rollenspielphilosophie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Ein Pfund Gehacktes, bitte

  1. Chris Beier schreibt:

    Ich habe kürzlich auf einem Con schon eine „Attack on Titan“-Runde mit DSA-Regeln gesehen.

    Habe da allerdings nicht mitgespielt, daher kann ich nicht sagen wie das funktionieren soll. Aber die DSA-Hacks scheinen zu existieren, allerdings weniger geteilt werden als andere Systeme.

  2. Mondbuchstaben schreibt:

    Das finde ich ja total spannend – ich habe sowas auf noch keinem Con gesehen, und ich habe jahrelang das Programmheft von Hannover spielt! (der mal sehr DSA-lastig war, weil die damalige Redaktion häufig Ehrengäste gesandt hatte) betreut. Und dann auch noch sowas exotisches wie Attack on Titan?
    Color me impressed!

    Ich besuche auch regelmäßig die RPG-Räume auf Anime-Conventions (zuletzt vor einer Woche auf der Connichi), um mir anzusehen, was dort so gespielt wird. Da wird traditionell viel gehackt – Naruto mit D&D3, Hellsing mit WoD, und wenn man dazwischen manchmal eine DSA-Runde findet, dann ist die allerdings aventurisch. (Genauso wie man immer wieder auch Star-Wars-Runden sieht – Anime-Fans sind nicht monokulturell.)

  3. rorschachhamster schreibt:

    Oh, wir haben in den 80ern DSA-Star Wars gezockt… aber das war halt vor Internet.

  4. Mondbuchstaben schreibt:

    Das wird immer spannender!

    Wenn es diese Hacking-Kultur einmal gab, warum hat das irgendwann aufgehört? Meine Vermutung: das 80er-DSA war sowohl regelleichter als auch offener als die späteren Versionen, das DSA1 Basis Spiel war extrem hackable. Je mehr sich die Regeln an Aventurien ketteten, desto aufwändiger wurde es, Talente, Klassen, Professionen, Zauber und Liturgien zu adaptieren.

    Woher ich die Ahnung nehme, dass das aufgehört hat? Wenn man sich anguckt, wie viele Genre-Interpretationen viel kleinere Communities (die Dungeonslayers-, Savage-Worlds- oder –FATE-Fans) in viel kürzerer Zeit hervorgebracht haben, und was es an DSA-Anpassungen gibt, zwingt sich dieser Schluss einfach nur auf. Die DSA-Community ist schließlich sehr aktiv und es gibt eine verhältnismäßig generöse Fanwerk-Lizenz. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Fans mit solchen Hacks hinterm Berg halten würden, wenn sich sich die Arbeit schon gemacht haben.

  5. Argamae schreibt:

    Ich bin und war kein Freund von „Hacks“. Läßt mich eher kalt, das ganze Thema.
    Und bezgl. „keine DSA-Hacks“: ja, es sagt eindeutig was über die DSA-Regeln aus. ;)

  6. Rána schreibt:

    Mal ne blöde Frage, weil ich keine Ahnung habe, was dieses „Hacken“ im RPG-Bereich genau bedeutet: ist das sowas wie Hausregeln?

  7. Mondbuchstaben schreibt:

    Ja: bekannte Medien-Franchises (Star Wars, Star Trek, Asterix) oder Rollenspiel-Settings (Aventurien, Krynn) oder auch nur Genres (Steampunk, Urban Fantasy) auf andere Rollenspielsysteme aufsetzen.
    GURPS Smurfs.

    Auch auf solche, die gar keine universelle Komponente haben. Bei manchen Spielen ist da ein hoher Grad an Anpassung und eben Hausregeln nötig. Apocalypse World hatte nichts D&D-artiges an sich, bevor die Regeln in Dungeon World mit neuen Moves (und vielen anderen Änderungen) ausgestattet wurden.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s