#RPGaDAY2015 – Frage 31 – Lodoss War – Lady von Pharis

31. August: Liebstes Nichtrollenspielprodukt, das auf das Rollenspiel(hobby) zurückgeht?

Am Ende dieses Beitrages werde ich drei Kreuze machen…****

Damit diese letzte Antwort auch noch einen „Nährwert“ für den Leser hat, lasse ich mal die naheliegenden „Frau & Kind, Freunde, weltweite Kontakte, Dirks Sofa“ einfach so stehen und verstehe die Frage ausdrücklich auf ein Ding oder Produkt bezogen.

Die einunddreißigte und letzte Frage lautet: Favourite non-RPG thing to come out of RPGing?

LadyOfPharis

Record of Lodoss War gilt als „der japanische Herr der Ringe„, tatsächlich wäre aber „das japanische Dragonlance“ viel treffender. Wie DL entstand Lodoss War als Setting für eine (D&D*-)Rollenspiel-Kampagne. Ryo Mizuno hat die Erlebnisse der Kampagne in einer Artikelserie für das Computerspielmagazin Comptiq aufgeschrieben – und damit eine Literaturform begründet bedient**, die bis heute in der japanischen Belletristik erfolgreich ist: das Replay.

Replays sind nichts anderes als die Spielbeispiele, die man in fast allen Regelwerken findet – die Dialoge, die während einer typischen Session stattfinden -, nur in Romanlänge ausgewalzt:

Spieler: „Ich packe meinen Knüppel fester und horche. Was höre ich?“
Meister: „Einauge ist offenbar immer noch mit der alten Frau beschäftigt. Er fragt sie, ob sie denn nicht lieber die Karte herausgeben wolle. Bisher könne er den Goblin noch zurückhalten, doch wenn er dem Monster erstmal seinen Willen ließe, könne selbst er, Einauge, der Schrecken der Sieben Meere, sie beide nicht mehr vor Garbatz retten.“
Spieler: „Ich vergewissere mich noch einmal mit einem raschen Blick durchs Schlüsselloch, ob mir der Goblin immer noch den Rücken zukehrt.“
Meister: „Das tut er.“
Spieler: „Dann stoße ich mit dem Fuß die Tür auf.“

(Ihr wisst alle, wie diese Episode weitergeht…)

In Japan ist diese Notation einer Narration so beliebt geworden, dass sie eine eigenständige Produktart ist, die neben Abenteuermodulen und Quellenbüchern den Katalog eines Rollenspielverlages füllt. Nein, eigentlich ist es die erfolgreichste Produktart, die man überhaupt in einem japanischen RPG-Laden finden kann! RPG Replay Tankobon

Und kein Rollenspielmagazin, das nicht mindestens einen Replay-Artikel pro Ausgabe enthält, zu entweder einem brandneuen System (oft parallel zur Systemvorstellung) oder einem Standard-System (z.B. Sword World 2.0 – dessen erste Version übrigens Lodoss als offizielles Setting hatte!). Die ersten Replays von Record of Lodoss War sind jedenfalls in Taschenbüchern (Tankobon) LodossOpeninggesammelt nachgedruckt worden, bevor Ryo Mizuno daraus Nacherzählungen als Light Novels*** machte, die wiederum zu Inspirationen für sowohl eine Anime-TV-Serie als auch mehrere Manga-Serien wurden. Auf die Verwandtschaft zu D&D wurde augenzwinkernd im Vorspann der Serie angespielt – Clyde Caldwell lässt grüßen…

Von den Mangas habe ich exemplarisch einen ausgewählt, der für den ganzen Lodoss-Komplex stehen soll. Einer der Mangas – der letzte, der erschienen ist – ist ein Prequel zur bekannten Story der TV-Serie: Lady of Pharis ist die Heldensage der jungen Kriegerin Flaus (ja, Namen in japanischen Medien sind bisweilen seltsam), die in den Jugendjahren  des späteren Königs von Valis, Fawn/Fahn, des späteren Erzmagiers Wort/Worth und des späteren Oberschurken Beld wirkt.

Grafisch ist die über 500-seitige Story höchst bemerkenswert, denn Mangaka Akihiro Yamada beherrscht einen Stil, der sehr stark an die spanische Schule gemahnt und mich mehr als einmal an Antonio Hernández Palacios‘ El Cid erinnerte.

Yamada

Meine Freude über dieses Stück Rollenspiel-Nacherzählung ist allerdings geteilt. Rollenspielsessions ergeben höchst selten gute Romanplots. Dabei haben Rollenspielerzählungen durch aus ihren Reiz. Ich hatte anfänglich durchaus meinen Spaß daran, in den Romanen die Regeln durchscheinen zu sehen (wenn Raistlin in Xak Tsaroth Feather Fall benutzte, um die Wasserfall-Klippe herunterzuschweben, während alle anderen klettern mussten – das hatte etwas von Legolas‘ „Ich-kann-auf-Schnee-wandeln“-Arroganz), aber das ermüdet doch sehr schnell.

(Dabei ging das ja schon lange vor Dragonlance los – mit André Nortons Quag Keep, Raymond Feists Magician, Hugh Walkers Reiter der Finsternis, Andreas Brandhorsts Das eherne Schwert…)

Quag Keep Cover  Magician Apprentice  Reiter der Finsternis Magira 1  Das eherne Schwert

Aus den ersten Rollenspiel-inspirierten Romanen wurde leider ein Dammbruch…

Es hätte klappen können, wenn „Gaming Novels“ ein eigenes Fantasy-Sub-Genre geblieben wären, aber heute sind alle Endloszyklen so sehr von D&D-ismen durchsetzt (Kleriker!), dass das Genre als Ganzes nicht gewonnen, sondern vielmehr den Kontakt zu seinen literarischen Wurzeln verloren hat. Ich habe schon lange keinen neuen Autoren mehr entdeckt, der das Format, die Eloquenz, die Finesse oder die thematische Vielfalt von Jack Vance, Ursula K LeGuin, Patricia McKillipp oder Gene Wolfe hätte. Manchmal finde ich noch etwas, was mir zumindest Spaß bereitet, wenn ich es ausdrücklich durch die Brille eines am Spieltisch geborenen Textes lese (etwa Paul S. Kemps Egil & Nix oder Stephen Brusts Dragaera).

Aber Lodoss War stand noch am Anfang der Veränderungen, und genießt deshalb (für mich) „Welpenschutz“.

* Obwohl ich auch eine Erwähnung gefunden habe, dass es ursprünglich eine Tunnels & Trolls-Kampagne gewesen sein könnte… sicher bin ich mir nicht, denn die Charaktere entsprechen exakt den D&D-Klischees; bei T&T gibt es keine Kleriker.
** Ich schreibe das hier so überaus leichtsinnig – ich weiß gar nicht genau, ob er sie wirklich geschaffen hat oder nur einen Trend bediente, der zeitgleich andernorts entstanden war. Ich werde das mal erforschen! Teylen hat die Antwort in den Kommentaren: Replays gab es schon vor Lodoss War.
*** Light Novels sind in einer leichten, schnell lesbaren Sprache verfasste Taschenbuch-Kurzromane, meistens zu Manga- oder Anime-Reihen, und dann mit s/w-Illustrationen des Manga-Künstlers aufgehübscht. Das deutsche Äquivalent sind vermutlich die Kiosk-Taschenbuchreihen Terra Fantasy (s.o., brachten auch gekürzte Übersetzungen von u.a. Michael Moorcock), John Sinclair oder die Perry Rhodan-„Planetenromane“.
**** X X X
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7 Antworten zu #RPGaDAY2015 – Frage 31 – Lodoss War – Lady von Pharis

  1. Teylen schreibt:

    Als Hilfe zur Forschung, es gab dem deutschen Wikipedia Artikel bereits vor Record of Lodoss War Replays:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Replay

    Danach war das erste richtige Replay wohl Nanatsu no Saidan (1985), RoW kam um 1986 doch etwas später ^^;

  2. Mondbuchstaben schreibt:

    D’oh. Im deutschen Wikipedia hätte ich die Antwort nicht vermutet… da kann ich meinen japanischen Kontakt also zurückrufen…

    Vielen Dank für den Hinweis!

  3. greifenklaue schreibt:

    Großartige Vorstellung, die ganz nebenbei versteckten Autorentipps werd ich mir mal angucken müssen.

  4. Mondbuchstaben schreibt:

    Lesetipps:
    Ursula K. LeGuin: Erdsee-Zyklus
    Patricia McKillipp: Erdzauber-Trilogie
    Gene Wolfe: Das Buch der Neuen Sonne
    Jack Vance: Die sterbende Erde, Lyonesse, Showboot-Welt und unzähliges andere…

  5. Argamae schreibt:

    Also, nicht alle genannten Beispiele kamen LANGE vor Dragonlance heraus. Breithorst war 1985, ein Jahr nach Dragonlance. Feist schrieb den ersten Magician-Roman 1982, was jetzt auch nur 2 Jahre sind. Die anderen beiden datieren dann doch teils deutlich vor 1980. So zumindest meine interessierte Nachforschung. Danke ebenfalls für die Leseanregungen; Record of Lodoss War habe ich als Animé konsumiert, das fand ich großartig (sonst lassen mich Mangas und Co. kalt).

  6. craulabesh schreibt:

    Sehr schöner Artikel, danke!

  7. Thorsten Panknin schreibt:

    Vielen Dank für den Artikel! Ich hatte keine Ahnung, dass es so was gibt.

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