#RPGaDAY2015 – Frage 11 – James Raggi?

11. August: Lieblings-Rollenspiel-Schreiber?

Ich habe „Writer“ mit Absicht nicht als „Autor“ übersetzt, da in meinen Augen das Schreiben von Rollenspiel-Texten nicht in erster Linie eine Autorenleistung ist.

Ja, ich weiß, dass in den Siebzigern und Achtzigern die deutschen Spieleautoren (die ihre Interessenvertretung SAZ – Spiele-Autoren-Zunft nennen) gegen die Brettspielverlage dafür gekämpft haben, um ihre Leistung anerkannt zu bekommen und analog zu Buchautoren auf der Schachtel genannt als Urheber zu werden – und zu Recht! Nichtsdestoweniger ist das, was sie tun, eigentlich keine Autorentätigkeit, sondern vielmehr eine multidisziplinale Konstruktion, eine Erfindung, ein Austüfteln und Übertragen eines (häufig mathematischen) Konzeptes auf haptische Materialien. Das, was tatsächlich geschrieben und ausformuliert wird, nämlich die Spielregel, stammt mitunter von den verlagseigenen Redakteuren, die viel geübter darin sind, didaktische Texte zu verfassen.

Bei einem Rollenspieltext kommen durchaus Autorenleistungen hinzu, wenn es darum geht, einen Abenteuerplot oder eine fiktive Historie für ein Setting zu entwickeln.

Von einem Rollenspiel“autor“/-schreiber erwarte ich aber keine Prosaleistung („Fluff“), sondern das Ausdenken eines Spielerlebnisses und das Bereitstellen der Werkzeuge, die dieses Erlebnis möglich machen oder sogar fördern. Und damit meine ich nicht unbedingt „Crunch“, sondern auch eine umfassende Organisation des Spieles und seiner Darreichung.

So, dies vorausgeschickt, kann ich mich der Antwort widmen:

Die elfte Frage lautet: Favourite RPG Writer?

Das letzte Mal, dass mich die Schreibe eines Rollenspiel-Texters wirklich begeistert hat, war Raggis Lamentations of the Flame Princess.

Raggi ist nicht mein Lieblings-Schreiber in der Weise, dass ich ihm an der Feder hänge und alles von ihm lese und mag, wie es mir in meiner Jugend mit Michael Moorcock und Robert Sheckley ging (Jugendsünden!). Das nun wirklich nicht. Aber mit diesem Werk hat er sich in mein Herz geschrieben.

Einige Beispiele aus meiner Rezension von LotFP, zuerst aus dem Tutorial:

Hier zeigt sich, dass Raggi seinen Mentzer geradezu verinnerlicht hat. Einer der besten “Was ist Rollenspiel”- und “Wie spielt man Rollenspiele”-Texte, die ich je gelesen habe, leitet über in ein sehr kurzes (aus nur 3 Abschnitten bestehendes) “Soloabenteuer”, in dem gleichzeitig die Macht des Würfels demonstriert und die Natur des Rollenspiels als Gruppenabenteuer erklärt wird.

Aus dem Buch The Rules:

Der ganze Ballast, alle Erklärungen und Meta-Regeln wurden in das Tutorial verbannt; hier geht es wirklich nur um die knallharten Regeln und deren Beispiele. Das hat einen großen Vorteil, der sich später am Spieltisch zeigen wird: Das Regelheft kann tatsächlich als Nachschlagewerk verwendet werden, weil es alle Didaktik ausgelagert hat. Wie sehr James Raggi dieses Buch auf diese Verwendung ausgelegt hat, sieht man in dem Kapitel “Adventuring”, (…)

In dem Kapitel “Adventuring: the Rules of the Game” werden alle Situationen beschrieben, die in vielen Rollenspielen so etwas wie die Ausnahmen oder Spezialfälle sind. “Falling & Drowning”, wie man Türen öffnet, wie Licht und Fackeln wirken. Raggi hat hier alles untergebracht, auch Bewegungsweiten, Erfahrungspunkte, Zeit, Heilung, usw.
Das ganze Kapitel ist alphabetisch sortiert und kann während des Spiels wie sein eigener Index konsultiert werden!

Dass das alles nicht als staubtrockener Regeltext ausfallen muss, sondern durchaus kreativ-poetisch sein darf, zeigt er in dem Buch Magic:

Und doch wird dringend geraten, sich jeden einzelnen Zauber genau durchzulesen, denn hier wuchert Raggis “Weird Fantasy” in voller Blüte. (…)

Invisibility
With this spell the Magic-User frightens the light of the world, causing it to avoid the subject of the spell. (…)

Speak with Dead
[The dead] know that being alive, even inside a rotting corpse for the briefest sliver of time that leaves them in agony as the decay of their physical form leaves every nerve transmitting unrelenting pain, is better than being dead.

Nur schade, dass Raggi sein Talent an FSK18-Inhalte verschwendet…!

Es gibt noch einige weitere Namen, die mich zum Hinschauen motivieren, wenn ich sie auf Produktcovern sehe: Simon Washbourne, der gestrige John M. Stater, Ewen Cluney (Neko Ewen) und Kevin Crawford. Und dann gibt es noch einen Namen, aber den hebe ich mir für später auf – der bekommt seine eigene Frage in diesem Monat, und ich möchte mein Pulver nicht verschießen.

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4 Antworten zu #RPGaDAY2015 – Frage 11 – James Raggi?

  1. Pingback: #RPGaDAY2015 Tag 11 – Dein liebster RPG-Autor? | Greifenklaue's Blog

  2. Argamae schreibt:

    Ja, Raggi ist durchaus ein Unikat und für seine klare Linie, die er fährt, respektiere ich ihn. LOTFP hat mir als D&D-Derivat recht gut gefallen, „Tower of the Stargazer“ habe ich mal geleitet und es war cool. Allerdings kann ich in Gänze mit ihm nicht soviel anfangen, auch mag ich die… sagen wir mal, „deutlichen“ Inhalte seiner Werke nicht (immer).

    Mir gefällt Deine Einleitung mit der „Abhandlung“ bzgl. Schreiber und Autor.

  3. greifenklaue schreibt:

    Ist bei mir international auch auf Platz 1! LotfP fand ich einerseits ziemlich elegant, andererseits sehr konsequent Fortentwickelt. Neben DCC mit das wichtigste OSR 2.0-Spiel bzw. eines der ersten. Zudem überraschen auch seine Abenteuer.

  4. Pingback: Best of #RPGaDAY2015 – Klaues Lieblingsantworten 2/3 | Greifenklaue's Blog

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