#RPGaDAY2015 – Frage 4 – Pits & Perils

4. August: Überraschendstes Spiel?

(Ok, da hier nicht nach „… der letzten 12 Monate“ gefragt wurde, kann ich guten Gewissens das Spiel nehmen, auf das ich gestern verzichten musste…)

Die vierte Frage lautet: Most surprising game?

Pits & Perils CoverPits & Perils hat mich wirklich überrascht. Ich habe einen weiteren Old School Clone erwartet, aber der (eher dünne, kompakte) Band ist weit mehr. Er dreht die Zeit eigentlich noch ein wenig weiter zurück als die bekannten Retroklone.

Er stellt die Frage, wie ein alternatives D&D hätte aussehen können, das seine Wurzeln ebenfalls in der Miniatures-Wargame-Szene der 70er-Jahre hatte, aber dichter an Wargame-Konventionen blieb. So finden wir sehr wohl bekannte D&D-ismen (die bekannten Attribute, die Charakterklassen), die jedoch völlig anders funktionieren!

Zum Beispiel: „Attribute“ im traditionellen Sinn gibt es gar nicht. Auf einer Tabelle würfelt man aus, welche Eigenschaft(en) der Charakter besitzt. Diese heißen zwar „Strength, Intelligence, Wisdom, …“, geben aber lediglich Zugang zu Sonderfertigkeiten. Das heißt, ein Charakter hat nicht „Stärke 18“, sondern schlicht „Stärke“, und besitzt daher die Fähigkeit, Metallstangen zu verbiegen und Gatter anzuheben.

P+P abilities

Was auffällt: Die Verteilung der Zahlen des 2w6-Wurfes ist extrem … seltsam. In dem Spiel müsste es nur so von weisen Menschen wimmeln, während hohe Körperkraft eine seltene Ausnahmeerscheinung ist.

Dann gibt es die aus B/X (oder für uns Deutschen eher Mentzer Red Box) bekannten Charakterklassen, die ebenfalls die bekannten Klassenfertigkeiten besitzen.

P+P classes

Ein fertiger Charakter sieht dann so aus:

P+P sample character

Das Spiel kennt zwei Standardproben, die it 2w6 ausgeführt werden. Alle nicht-kämpferischen Handlungen gelingen bei 7+, alle Angriffe bei 9+. Einige Klassenfertigkeiten haben „1-2 in 6“-Chancen, bei anderen erhält ein Charakter +1 auf seine Probe.
P&P ist ein klassisches Stufensystem. Trotzdem vermeidet es ein typisches Problem von Stufensystemen, nämlich das inflationäre Anwachsen von Hit Points. Die steigen hier zwar auch, aber erheblich moderater. Rüstung funktioniert übrigens sehr ungewohnt: es sind schlicht weitere Hit Points.
Gezaubert wird mit Faith Points (Clerics) bzw. Spell Points (Magician und Elf). Bemerkenswertes Detail: Alle Zaubernamen bestehen aus vierbuchstabigen Worten – echten, gebräuchlichen Worten, nicht Abkürzungen und Lautmalereien wie in Livingston und Jacksons Sorcery!-Soloabenteuer-Reihe.

Äußerlich ist Pits & Perils noch unscheinbarer als die gestrige OneDice-Familie. Es ist ein 80-Seiten-Softcover im A4-Format, mit einem Design, das entfernt gleichsam an pastellfarbene AD&D-Module wie an die OD&D-Booklets erinnert.

Das Innenlayout ist ein kleines Kunstwerk, trotz der nicht immer einfach lesbaren Schreibmaschinenschrift. Alle Illustrationen sind in der Public Domain befindliche Holzschnitte, die sehr geschmackvoll ausgewählt, dezent bearbeitet und in einem 70er/80er-Jahre Fanzine-Layout arrangiert wurden.

P+P characters2 P+P characters1

Es sieht einfach aus, aber ich bin mir sicher, dass viel Hirnschmalz darin steckt. (Anders als OneDice, bei dem man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, „dass man das mit Word auch geschafft hätte“.)

P+P dungeonDas eizige (Layout-)Problem, das ich mit P&P habe, sind die Dungeonpläne. Sie sehen wirklich wie Pläne aus Fanzines jener Zeit aus, sie haben ein fotokopiertes Flair irgendwo zwischen Judges Guild und frühem White Dwarf. Und sie sind unübersichtlich, weil alle Details wie Türen fehlen!

In dem Beispiel nebenan: Gibt es eine Verbindung zwischen Raum 2 und 3? Wie kommt man in die große Halle 21?

Aber vielleicht ist das auch Absicht, zwingt es doch jeden Spielleiter, sich mit dem Material zu beschäftigen und sich zueigen zu machen! Es gibt keine offizielle Version des Dungeons.

Pits & Perils hat etwas von einem Proof-of-Concept-Produkt, aber als solches ist es eigentlich misslungen. Es hat dafür noch zu viele D&D-ismen. Die Attribute hätten anders heißen können, und eine Charakterklasse „Cleric“, die ohne Präzedenz in der inspirierenden Literatur war (und lediglich als Reaktion auf einen Vampir-Charakter nachträglich erfunden wurde), machen Pits & Perils anachronistische Natur überdeutlich. Aber noch etwas unterscheidet es von einem reinen Gedankenspiel: Es ist voll spielbar, und es wird als solches genutzt. Olde House Rules veröffentlichte bislang nicht nur zwei weitere Quellenbücher (die wie D&Ds „Greyhawk“ und „Blackmoor“ ein Sammelsurium weiterer Klassen, Zauber, Monster, usw. enthalten), sondern auch zwei Abenteuermodule.

     

Und sie sind nicht allein beschäftigt, Pits & Perils auszubauen – es gibt mindestens drei weitere Kleinstverleger, die das System mit Modulchen und Quellenmaterial unterstützen:

     

Und das ist die größte Überraschung an Pits & Perils

Fazit: Man fühlt sich in eine andere Zeit versetzt, als ob man eine Paralleldimension betreten hätte, vertraut, und doch anders. Was hätte es für das Hobby bedeutet, wenn dies der Beginn gewesen wäre? D&D fand viele Nachahmer, und sie haben sich alle irgendwie an Gygax und Arnesons Werk orientiert. Gab es irgendein Spiel, das keine Attribute hatte? (RQ und T&T verwenden ja sogar den 3w6-Zahlenraum!)

Das wird auch in den Inhalten der Abenteuer deutlich. Ja, es gibt Dungeons, aber die Sujets sind etwas anders. Crown of Cthuken hat eine faszinierende Atmosphäre, näher an Raggis Weird Fantasy, eine Fantasy-Version der Besiedlung Amerikas – Ureinwohner, eine Stufenpyramide, Konflikte zwischen Siedlern und der Heimat … man fühlt sich an Roanoke und Pocahontas erinnert. Das 16-seitige Abenteuer ist kein einfaches Modul, sondern ein Kampagnenbaukasten.

Und wie hätte es sich auf die Rollenspielkultur (Stichwort „Metaplot“) ausgewirkt, wenn ein Do-it-yourself-Ethos (wie bei den Dungeonplänen vermutet) schon in den Abenteuern verankert gewesen wäre? (Die Judges Guild-Module hatten ja immer sehr viel Platz für Notizen des SLs hatten und luden zum Anpassen ein, aber die Dungeons selbst waren präzise vorgegeben.)

Pits & Perils gibt es hier als PDF und hier als PoD.

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3 Antworten zu #RPGaDAY2015 – Frage 4 – Pits & Perils

  1. greifenklaue schreibt:

    Quasi eine Art OSR 0.0 …

  2. Mondbuchstaben schreibt:

    Das bringt es auf den Punkt.

  3. Pingback: Best of #RPGaDAY2015 – Klaues Lieblingsantworten 1/3 | Greifenklaue's Blog

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