Das Spiel, das nicht sein konnte

Die Ereignisse der letzten Wochen haben mich nachdenklich und wehmütig gemacht, und an eine weithin unbekannte Episode der deutschen Rollenspielhistorie erinnert.

Das Schwarze Auge hatte immer eine marktbeherrschende Rolle in Deutschland. Dabei hat der Erfolg, den Schmidt Spiele mit DSA hatte (und FSV mit D&D), durchaus andere Brettspielverlage auf das Thema Rollenspiele aufmerksam gemacht.
So hatte Parker [edit:] MB etwa 1987 Frank Lassak, den Chefredakteur des Fanzines Simufant, beauftragt, ein familientaugliches Fantasy-Rollenspiel zu entwerfen.
Ich ärgere mich heute noch schwarz, dass ich die Gelegenheit ausgeschlagen habe, Playtester zu werden. Aber nach der Beschäftigung mit Midgard, AD&D, Palladium usw. kam mir die Vorstellung, ein Rollenspiel mit Farbwürfeln zu betreiben, doch gar zu kindisch vor.
Das Spiel ist leider nie erschienen.

Was kaum jemand weiß, ist, dass mehrere Jahre später (FSVs D&D war mittlerweile vom Markt verschwunden und DSA als Marktführer fest etabliert) der Traditionsverlag FX Schmid die Fühler in Richtung Rollenspiele ausstreckte…

Umsatzmäßig waren Ravensburger, MB und Parker die Platzhirsche auf dem Brettspielsektor, und darunter tummelten sich kleinere Verlage wie Jumbo, Schmidt Spiele und FX Schmid. Für FX war es immer ein Dorn im Auge, mit dem etwas größeren Verlag Schmidt Spiele verwechselt zu werden. Wenn Kunden im Laden das FX-Logo sahen und sagten, „ach ja, Schmid Spiele, kenne ich“, dann muss das schon schmerzlich gewesen sein. Doppelt schmerzlich, weil FX ein anspruchsvolleres Programm pflegte und mit Adel verpflichtet eines der besten Spiele des Jahres im Programm hatte.

Im Herbst 1994 gab es ein erstes, sondierendes Gespräch zwischen einem Autoren und der Geschäftsleitung von FX auf den Spielertage in Essen. In dem Gespräch wurde offenbar, dass FX sehr wohl interessiert war, ein Rollenspiel zu verlegen, aber keinerlei Vorstellung hatte, was es hieß, dieses Marktsegment zu bedienen. Bevor es um inhaltliche Fragen gehen konnte, musste erst einmal die Szene und die Publikationsform „Rollenspiel“ erklärt werden. Dabei wurde auch klar, dass FX es sich weit einfacher vorgestellt hatte, Schmidt Spiele herauszufordern. „Es sind doch nur Hefte mit Text.“
Aus dem Erstkontakt erwuchs ein Hin und Her aus Konzepten, Nachfragen, Zeitplänen, Beschreibungen unterschiedlicher Produkttypen, Werbebudgets, bis hin zu einer detaillierten Planergebnisrechnung für die Produktion des ersten Jahres, mit Absatzprognosen, usw.

Es war außerdem die Zeit der Sammelkartenspiele. Bei FX vermutete man wohl, dass Schmidt Spiele sich mit dem DSA-Ableger Dark Force eine goldene Nase verdiente. Nun waren Karten eine Kernkompetenz von FX Schmid, die eine eigene Spielkartendruckerei besaßen. Deshalb war es nicht verwunderlich, dass sie die Rollenspielpläne auf kleiner Flamme köcheln ließen und 1995 eine Partnerschaft mit Truant Spiele eingingen, um Doomtrooper zu veröffentlichen.
Die Flamme verlöschte bald ganz, als der Verlag FX Schmid 1996 aufgelöst wurde und Ravensburger die Marke FX übernahm. Und Ravensburger war wohl nicht an dem Abenteuer eines Rollenspiels interessiert.

Die Ironie der Geschichte ist dies:
Wenn FX Schmid dem Zeitplan gefolgt wäre und nicht von Ravensburger gekauft worden wäre, hätte das FX-Rollenspiel während der Sommer-Convention-Saison 1997 seine Premiere erlebt. Das wäre zufällig genau das Jahr gewesen, in dem Das Schwarze Auge strauchelte, weil Schmidt Spiele pleite ging. In der Zeit, in der DSA aus den Kaufhäusern verschwand, die Fortsetzung Aventuriens ungewiss war, die Sieben Gezeicheten eine Zwangspause einlegten, der Markenname DSA in der Konkursmasse gebunden war, hätte es ein neues Fantasy-Rollenspiel geben können.

Manchmal wird mir noch ganz schwummrig, wenn ich daran denke, was hätte passieren können…

Dieser Beitrag wurde unter Gedankenspiel, Rückblick veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

11 Antworten zu Das Spiel, das nicht sein konnte

  1. greifenklaue schreibt:

    Ein hochspannendes Stück Rollenspielhistorie!

  2. Argamae schreibt:

    Oder ein Aprilscherz…

  3. Sven "Ein" Lotz schreibt:

    Details zu diesem Spiel wären natürlich interessant gewesen, aber vermutlich ist gerade dieser Aspekt für immer verloren, oder?

  4. Mondbuchstaben schreibt:

    Argamae: Was davon? Das Farbwürfel-Rollenspiel oder die FX-Geschichte?

  5. Falk schreibt:

    cooler Aprilscherz, wäre auch fast drauf reingefallen. :)
    Habs nur an den fehlenden Quellen bemerkt.

  6. Mondbuchstaben schreibt:

    Falk: Dabei hätte ich für das Lassak-Rollenspiel sogar eine Quelle nennen können.

    In Zeit-Aus!, dem „wahrhaftig ultimaten Rollenspielfanzine für Ostwestfalen“ gibt es in Ausgabe 2 von Mai 1987 auf Seite 38/39 eine Erwähnung innerhalb eines Conberichtes.

  7. Frau Stänki schreibt:

    Ja, ich erinnere mich! Das war ein sehr talentierter Autor, ein großer Szenekenner, der schon manch interessantes RSP-Konzept entwickelt hat.
    Und eines Tages wird es passieren, ein fertiges Spiel aus seiner Feder wird aus einem Druckerschacht fallen …

  8. Pingback: April, April | MONDBUCHSTABEN

  9. Frank Lassak schreibt:

    Schön aufgeschrieben, das Ganze. Allerdings war es nicht Parker damals, sondern MB.
    Gruß FL

  10. Mondbuchstaben schreibt:

    Danke für die Richtigstellung!
    Keine Ahnung, warum ich Parker im Hinterkopf hatte.

    Und auch danke für den Simufant.
    Ich muss gestehen, dass ich damals, als Rollenspielanfänger, mit dem Magazin wenig anfangen konnte, weil es „eingeweihter“ wirkte (im Vergleich zum Drache(n) von FSV oder der Fantasywelt vom Körner), keine Scheu hatte, englische Begriffe in Abenteuern zu verwenden und generell über exotische Systeme berichtete, die man in nur wenigen deutschen Rollenspielläden finden konnte. Als Leser fühlte ich mich, als ob ich den „secret handshake“ dieser mysteriösen Community nicht kannte.

    Aber in der Rückschau ist der Simufant heute spannender als die anderen Magazine, weil er als einziges Blatt Einblick in eine Szene gibt, die Rollenspiel vor DSA und Mentzer D&D betrieben hat.

  11. Pingback: #RPGaDAY2015 – Frage 23 – Amalgame | MONDBUCHSTABEN

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s