Britische Unterhaltungskultur

„Listen very carefully, I shall say this only once…“

Die Kommentare von Athair, Norbert und Cyric haben mich dazu gebracht, weiter über die englische Old School nachzudenken, bzw. über das Flair, das diesen Produkten innewohnt…

Da wären zunächst einmal weitere TV-Serien, die diesen typisch britischen Charme haben und die sich durch ihre Optik und manchmal sparsame Produktionesweise, aber auch durch die Eigenheiten ihrer Helden von (z.B.) amerikanischen Unterhaltungsmedien unterscheiden: Mit Schirm, Charme und Melone, Nummer 6, Catweazle, Thunderbirds … und Doctor Who, von Athair genannt, ist hier geradezu ein Paradebeispiel.
Vielleicht sehe ich Gespenster, aber ich bilde mir ein, dass ich diese Quirkyness nicht nur in den Seiten der UK-Module wiederfinde, sondern auch in der ganzen editorialen Machart englischer Magazine, von den Leserbriefseiten im White Dwarf bis zur Selbstdarstellung der Mitarbeiter in Adventurer und Red Giant. Im Vergleich dazu wirkten Artikel im Dragon immer … abgehoben, distanziert, theoretisch, manchmal besserwisserisch.
Dave Langford, dieser englische Reich-Ranicki der SF-Literatur, hat mir in seinen knappen Verrissen im WD mehr über Science Fiction und Fantasy „beigebracht“ als die um Ausgewogenheit bemühten Rezensionen in US-Magazinen. (Wobei ich nicht verschweigen möchte, dass die Rollenspielrezensionen im Dragon in den Achtzigern i.d.R. exzellent waren; besonders, da sie nicht unbedingt um Aktualität bemüht waren, sondern thematische Bündelungen bildeten – also „postapokalyptische Spiele“ oder „Horror“ – , und dass etwaige TSR-Kandidaten im Vergleich mit ihren Konkurrenten manchmal ganz schön abgeschlagen dastanden.)

Gerade Doctor Who ist ein Fall, der meine Liebe zur englischen SF Lügen strafen könnte, denn … ich verstehe den Doctor nicht. Ich habe in den 80ern zwei oder drei (über mehrere Episoden gehende) Geschichten mit Tom Baker gesehen, auf BFBS, und später ein oder zwei Episoden, als der Neustart mit Eccleston geschah. Es war interessant genug, um beim Zappen dabei zu bleiben, aber ich habe meine Uhr nicht danach gestellt, und letztlich hat es mich auch nicht gefesselt. (Der neue Spin-Off Torchwood schon eher…)

Dabei ist das Konzept von Doctor Who genau mein Ding. Er erinnert mich an Moorcocks Jerry Cornelius und Moebius‘ Major Grubert, die ich beide in genau dieser Zeit vergöttert und verschlungen habe.

Genau wie TSR UK eine zutiefst britische Inkarnation von D&D geschaffen hat, gab es auch eine ebenso britische Version, oder besser „Blase“, innerhalb des Marvel-Comic-Universums. Diese war eher im Erzählstil des von 2000 AD gehalten, des populärsten Comicmagazins in England (die Heimat von Figuren wie Judge Dredd, Slaine, Rogue Trooper, usw.) gehalten.
Captain Britain
hatte weniger von einer Superheldenserie à la Spider Man oder Captain America, es war eher eine abgedrehte Parallelwelt-SF-Geschichte. Der Jaspers‘ Warp genannte Zyklus reiht sich ohne Probleme in die Tradition der Abenteuer von Doctor Who/Jerry Cornelius/Major Grubert/Luther Arkright (letzterer von DSA 1-Illustrator Bryan Talbot) ein. Selbst die Eingliederung in den offiziellen X-Men-Kosmos (mit der eigenständigen US-Serie Excalibur) bewahrte den britischen Charme, wurde sie doch von dem britischen Zeichner Alan Davis weiterbetreut.

Auch in der modernen SF-Literatur gibt es diesen Unterschied zu US-amerikanischen Darstellungen des Genres.
Jon Courtenay Grimwood schreibt einen faszinierenden europäischen Post-Cyberpunk, der reich an chinesischen und arabischen Gewürzen ist, und ebenso Zeit und Raum überspannt wie die Abenteuer des Doctors.

Warum also kann mich gerade der Doctor nicht begeistern? Keine Ahnung. Es ist genau nicht die „trashige“ Machart englischer TV-Serien, die mich abgehalten hätte, den Doctor zu mögen. Captain Power and the Soldiers of the Future habe ich gemocht, und ich kann mich nicht erinnern, jemals größeren Trash gesehen zu haben. Blakes 7 hätte ich auch gerne weitergesehen als die paar Folgen, die ich auf BFBS ausgeschnappen konnte. Und bei aller Liebe zu Robin of Sherwood – ich bin nicht so blind, die Farbfilter, die mäßig choreografierten Action-Szenen und einige Dialoge als das zu erkennen, was sie waren: typisch britische TV-Billigproduktion.
(Und lasst mich bloß nicht von Yes Minister, Yes Prime Minister und ‚Allo ‚Allo anfangen, aber das sind andere Genres, die nichts mit Fantastik und Rollenspiel zu tun haben…)

An dem Doctor Who-Rollenspiel von Cubicle 7 würde mich lediglich interessieren, wie es mit Einsteigern umgeht; wie es unser Hobby erklärt, wie es den Käufer ermutigt, Spielleiter zu sein, welche Hilfen bei der Abenteuergestaltung es gibt.

Zwei weitere Rollenspiele von Cubicle 7, Starblazer Adventures und Legends of Anglerre, erleben auch gerade einen ziemlichen Hype. Sie sind ebenfalls ein kleines Rädchen in der britischen OSR, wenn auch nur inhaltlich, denn FATE ist ein ausgesprochen modernes System. Die beiden Spiele basieren auf englischen Comics der 70er Jahre, die genau dieses schräge 2000-AD– und Kobra-Feeling haben.
(Ein für den deutschen Markt vergleichbares Phänomen wäre ein Gespenster-Geschichten-Rollenspiel, aber auch ein John-Sinclair-Rollenspiel kommt dem schon recht nah.)
Die beiden Rollenspielbücher lassen mich ehrlich gesagt völlig kalt, sie interessieren mich nicht die Bohne.

Aber beim Durchblättern in einem Laden ist in mir der unbändige Wunsch entstanden, diese antiken Comics zu lesen…

Leider sind diese bei uns nie erschienen, und einen englischen Nachdruck scheint es nicht zu geben.

 

Dabei gab es auch in Deutschland englische SF- und Abenteuercomics: Das Comicheft Kobra. Dieses Anthologiemagazin (auch so ein ausgestorbenes Format) hat mich ziemlich fasziniert, obwohl ich es immer auch als billige Konkurrenz zu Primo oder Zack empfunden habe. Nichtsdestoweniger hat es mich immer wieder zu den Helden (oder Antihelden, wie der Trickdieb Spiderman (!), der Metallmann Archie oder die unsichtbare Eiserne Hand) zurückgezogen.
Die populärste Serie aus Kobra dürfte aber Das Reich Trigan gewesen sein, trotz der abstrusen, faschistoiden Geschichte. Die Grafik von Don Lawrence hat über inhaltliche Schwächen hinwegsehen lassen, ja sogar soweit, dass einem kaum aufgefallen war, dass die Serie eine saumäßige narrative Struktur hatte und als Comic eigentlich gar nicht funktionierte. Don Lawrences Magnum Opus entstand erst gegen Ende der Laufzeit von Kobra – die Sword & Planet-Serie Storm, die aber auch erst Jahre später durch die Szenarien des Holländers Martin Lodewijk zur vollen Blüte reifen sollte (der lebende Planet Pandarvedas wäre ein Rollenspielsetting…).

Wer sich für englische SF-Comics interessiert, zum Abschluss noch zwei Lese-Tipps:

  • Jeff Hawke, eine britische Antwort auf Flash Gordon (und in meinen Augen einer der absolut besten Zeitungscomics, die jemals gezeichnet wurden).
  • Dan Dare, eine knallbunte SF-Abenteuerserie, die wie ein englischer Nick der Weltraumfahrer wirkt – nur mit einer erheblich besseren Grafik und mit dem Charme englischer Puppentrickserien (z.B. Thunderbirds).
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5 Antworten zu Britische Unterhaltungskultur

  1. infernalteddy schreibt:

    Wo du es erwähnst, wie stehst du zu den ganzen Gerry Anderson-Serien wie Thunderbirds, Stingray und so weiter?

  2. Mondbuchstaben schreibt:

    Thunderbirds habe ich als Kind geliebt. Die Episode, in der es um die Rettung einer Bohrinsel ging (ein Fall ähnlich der Deepwater Horizon), hat mich auf (gefühlt) Wochen beschäftigt und begeistert. Die Serie lief gegen Ende der Siebziger auf NDR3 in einer Reihe namens „Fernsehmuseum“, im 14-tägigen Wechsel mit Time Tunnel. (Da war meine Lieblingsfolge die, in der Tony und Dan auf dem Mond waren…)

    Ich muss aber auch gestehen, dass ich nicht weiß, wie gut Thunderbirds gealtert ist – ich habe zwar in den Neunzigern noch mal einige Folgen gesehen, aber großen Eindruck scheinen sie nicht gemacht zu haben, denn meine Erinnerung ist sehr blass.
    Time Tunnel ist verhältnismäßig gut gealtert, vergleichbar Star Trek, weit besser als Mondbasis Alpha oder Die Mädchen aus dem Weltraum.

  3. infernalteddy schreibt:

    Für mich waren halt Thunderbirds, Fireball XL5, Stingray, Captain Scarlet und der ganze Rest teil meiner Kindheit, aber definitiv ein teil des „britischen Kulturerlebnisses.

    Übrigens wäre Biggles definitiv Pflichtlektüre der „british Pulp“ spielen wollen würde…

  4. MSch schreibt:

    Ah … Kobra … wie habe ich das geliebt! Du hast übrigens Mytek the Mighty vergessen.

    Als ich mir die wenigen Ausgaben von Starblazers, die das Internet so ausspuckt (es soll angeblich ein ISO mit allen Folgen geben), angeschaut habe, mußte ich gleich wieder an Kobra denken.

    Thunderbirds kann ich mich auch noch dran erinnern, möchte es aber nicht wieder sehen. Blakes 7 hingegen könnte ich mir mal wieder antun, bis mir zu viele wackelnde Sperrholzkulissen auf den Kopf fallen.

  5. Mondbuchstaben schreibt:

    Mytek hatte ich übrigens wirklich vergessen. Erst als ich die Covers gegoogelt habe, ist mir der Affe wieder eingefallen. (Andererseits fand ich ihn auch nicht sonderlich spannend.)

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