Die englische Old School Renaissance

Wenn man den Begriff OSR hört, denkt man gemeinhin an D&D. Jede ältere Regelversion hat heute ihren Nachbau erfahren, und die meisten Veröffentlichungen (seien es Magazine wie Fight On!, Knockspell oder Oubliette oder Settings und Abenteuer wie Carcosa, Stonehell, Dwimmermount oder Larm) wenden sich kollektiv an die Gemeinde der Alt-D&D-Spieler (ob sie nun LL, OSRIC oder S&W vorziehen, oder sogar eines der alten Originale spielen).

Im Moment scheint sich der Schirm etwas breiter aufzuspannen und auch andere Systeme erhalten ihre Aufmerksamkeit. RuneQuest/Basic Role Play scheint mit MRQ und OpenQuest seine eigene Renaissance zu erfahren, während M20-Autor Greywulf jüngst eine Traveller Week gefeiert hat.

Grognardia hat kürzlich festgestellt, dass es zwei gute Gründe für die Konzentration auf D&D gibt – zum einen ist D&D schon immer das populärste System gewesen, weshalb es nur natürlich ist, dass es auch mehr alte Fans gibt bzw. der Ruf des Spiels neue Fans anzieht; zum anderen hat kaum eines der übrigen Spiele, die zur Alten Garde zählen, seine Regeln so stark verändert wie D&D. Es gibt sie auch heute noch nahezu unverändert zu kaufen: RuneQuest, Call of Cthulhu, Dragon Warriors, Traveller, Tunnels & Trolls
Es gibt für ihre aktiven Fans einfach keinen Leidensdruck, die Regeln zu rekonstruieren und wieder verfügbar zu machen, und demzufolge auch weniger Möglichkeiten, ihr System in Foren, Blogs und Verkaufsstellen überhaupt ins Gespräch zu bringen.

Viel spannender finde ich, dass nahezu schleichend eine veritable englische Old School Renaissance eingetreten ist. Es hat begonnen mit der Wiederveröffentlichung der Fighting-Fantasy-Soloabenteuer und James Wallis‘ Neuausgabe von Dragon Warriors. Die Lone-Wolf-Soloabenteuer folgten hinterdrein, mit erweitertem Umfang und im letzten Jahr um das lange, lange überfällige Gruppen-Rollenspielsystem ergänzt. Die Solos werden von Mantikor auf Deutsch herausgebracht, und auch das Rollenspiel soll folgen, so dass wir auch etwas von dieser Renaissance abbekommen.
Das historische Fantasy-Rollenspiel Maelstrom wurde unverändert wieder aufgelegt und um ein Companion ergänzt. In dem letzten Dragon Warriors-Printprodukt In from the Cold sind alte White Dwarf-Artikel und -Abenteuer aufbereitet worden und in dem Blog von Dave Morris finden sich ebenfalls alte WD-Module.

Die Briten machen sich durchaus ihre Gedanken, wie ihre eigene Alte Schule eigentlich aussieht, auch in Abgrenzung zur amerikanischen.
Mit D101 Games gibt es einen Verlag, der „britisch geprägtes“ Material für OpenQuest und Labyrinth Lord produziert. Albion Adventures wird der Name einer Modulserie sein, die sich Pelinore, das Haussetting des Magazins Imagine (der von TSR UK herausgegebene britische Dragon-Ableger), und die Modulreihe Games Master Magazine (die Paul Cockburn nach dem unrühmlichen Ende von Imagine in Eigenregie fortsetzte) zum leuchtenden Vorbild nimmt – damit sind zumindest meine Erwartungen hoch gesteckt.

Ich muss feststellen, dass mir die englische Interpretation von D&D erheblich näher ist als die Gygax’sche, amerikanische. So sehr ich Howards literarischen Conan (bitte nicht verwechseln mit der Milius-Filmversion oder der Thomas-Comicinterpretation; wenn schon, dann die aktuellere Busiek-Comicadaption) und Fritz Leibers Fafhrd-und-Mausling-Abenteuergarn (auch in der kongenialen Mignola-Interpretation) schätze, die britische Fantasy hat eine einzigartige Mischung aus Bodenhaftung und Mystik, die einfach europäischer ist als die Wildwest-Fantasy aus dem Hause TSR.

In meinen frühen Rollenspielerjahren habe ich noch nicht zwischen USA- und UK-Produkten unterschieden; englischer Text war englischer Text. Erst in der Rückschau ist mir aufgefallen, dass meine Lieblingsprodukte ausnahmslos aus England stammten. Ich habe den White Dwarf immer lieber gelesen als den Dragon, und später die Arcane immer heißer erwartet als Dragon, Pyramid oder White Wolf Inphobia. Meine Dragon-Warriors-Taschenbücher sind so zerfleddert, dass mir niemand glauben würde, dass ich das System nur ein einziges Mal gespielt habe. Aber das Flair, die Ideen, die Illustrationen waren wie ein Kompass, der mir viele Jahre lang und über mehrere Systeme und Kampagnen hinweg den Weg gewiesen hat. Russ Nicholson, Chris Achilleos, Peter Andrew Jones, John Blanche, Ian Miller, Leo Hartas und Jez Goodwin berührten mich eher und nachhaltiger als Larry Elmore, Jim Holloway oder Jeff Easley. Und wenn es eines gibt, was mir die LoneWolf-Neuausgabe so richtig verleiden kann, dann ist es das Fehlen der Gary-Chalk-Illustrationen…

Mir scheint, dass in jenen prägenden Jahren, als D&D und DSA erschienen, auch in der SF- und Fantasy-Literatur die Briten die Nase vorn hatten – auch auf dem deutschen Markt. Nach Heynes Elric-Ausgabe brachte Bastei-Lübbe einen Ewigen-Helden-Roman nach dem anderen heraus; sogar Jerry Cornelius habe ich verschlungen. Die menschelnde New Wave war der SF-Trend, James G. Ballard mit seinen urbanen Dystopien (Der Block, Die Betoninsel), einer der Vorläufer des Cyberpunks, war ebenso Pflichtlektüre wie der Herr der Ringe oder dieser neue Humorist der Fantasy, Terry Pratchett.

Vielleicht auch ein Baustein für den Erklärungsversuch, warum D&D es bei uns so schwer hatte, und warum der phantastische Realismus Aventuriens als reizvoller empfunden wurde. Nicht nur, dass uns der Wargame-Hintergrund fehlte, wir haben auch andere Romane und TV-Serien konsumiert und haben im Rollenspiel etwas anderes gesucht – und gefunden! – als zehn Jahre zuvor die Zirkel in Lake Geneva und Minneapolis/St. Paul.

Für mich hat Richard Carpenters Robin of Sherwood die englische Old School treffend bebildert, und Clannad hat den Soundtrack dazu gemacht.

Nothing is forgotten – nothing is ever forgotten

Dieser Beitrag wurde unter Old School, Rückblick, Rollenspielphilosophie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

14 Antworten zu Die englische Old School Renaissance

  1. Joni schreibt:

    Ein klasse Artikel.

  2. Mondbuchstaben schreibt:

    Danke.

    Und dabei ist mir eine Minute nach dem Posten aufgefallen, dass ich den Golden-Heroes-Retroclone Squadron UK vergessen habe, das ehemals bei Games Workshop erschienene Superheldenrollenspiel.

  3. Norbert G. Matausch schreibt:

    Danke für diesen Artikel. Klasse!

  4. infernalteddy schreibt:

    *applaus*

  5. Athair schreibt:

    Schön herausgearbeitet.
    Und ich kann die größere Nähe zur britischen Science Fiction und Fantasy für mich nur bestätigen.

    Rollenspiel:
    Meine erstes kommerzielles Rollenspiel war Warhammer Fantasy 2nd (mit 1st Edition-Hintergrund) und es hat wohl die nachhaltigste Prägung hinterlassen. Mein Produkt des Jahres 2010 ist das „Lone Wolf Multiplayer Game Book“. Der derzeit interessanteste Verlag: Cubicle 7.
    Rollenspielmagazine, die mich ansprechen sind (der alte) White Dwarf, und die deutschen Magazine Zauberzeit und AbenteuerPunkt.

    Wichtiges aus dem amerikanischen Raum: Prince Valiant, Chaosium, Lamentations of the Flame Princess, The Shadows of Yesterday; Traveller, Run Out the Guns!.

    Spielebücher und phantastische Literatur:
    C.S. Lewis, Michael Moocock, Kim Newman, Joe Dever, Neil Gaiman, H. G. Wells, Anthony Burgess.
    Aus dem amerikanischen: Ursula LeGuin, I. Asimov, Philip K. Dick, Robert E. Howard (Solomon Kane)

    Fernsehen:
    Doctor Who, Hinter der Sonne und neben dem Mond, Catweazle, Narnia (BBC)
    Aus dem amerikanischen: Captain Future, Die Gargoyles

    … soweit, Athair

  6. Cyric schreibt:

    Du hast dich auf etwas anderes als den Dragon mehr gefreut? FREVLER! ;)

    Ich seh den Unterschied zwischen amerk. und engl. D&D Publikationen nicht ganz so gravierend. Und das völlige Versinken von TSR UK zeigt m. E. auch, dass Europa nicht unbedingt eine europäische Version von D&D benötigt hat. Ich denke auch, DSA hat sich in Deutschland durchgesetzt, weil:
    a) der Kreis jener, die Rollenspiel in den 80ern gespielt haben und jener, die gegen Pershing 2 und Reagan demonstriert haben, ziemlich deckungsgleich war – und man aus Gründen von Antiamerikanismus lieber eine dt. Variante spielen wollte
    b) die Kultur des „Erfinden eigener Rollenspielwelten“ in Deutschland einfach nicht verbreitet war und viele DMs dankbar über eine fertig ausgearbeitete Welt waren
    c) DSA massig Abenteuer auf den Markt geworfen hat und AD&D da nie hinterher gekommen ist (D&D, wo das anders war, hatte ja eh den Ruf eines eher simplen Einsteigerrollenspiels).

    Was in diesem Zusammenhang vor allem These a) unterstützt ist die Tatsache, dass auch Frankreich – ein Land, dass sich schon immer den USA weit überlegen gefühlt hat, obwohl diese ihnen 2 mal den Arsch retten mussten – eine starke heimische Rollenspielszene aufgebaut hat, während die anderen Nationen Europas (anfänglich nur Westeuropa, in den 90ern aber auch Osteuropa) eher D&D orientiert blieben. Allein Italien hat zig mal mehr Übersetzungen von AD&D / D&D Produkten zuwege gebracht, als Deutschland.

    Ansonsten aber feines Posting! Vor allem die Erklärung, warum ausgerechnet D&D so eine RetroWelle erfährt, ist genau so simpel, wie einleutend.

  7. Norbert G. Matausch schreibt:

    Ja, wir haben auch Warhammer FRP gespielt, und die Stimmung war einfach klasse.
    Ich frage mich gerade, ob es in Deutschland so was wie ne OSR geben kann. Da bin ich mir nämlich gar nicht so sicher, wenn ich bedenke, daß einheimische Gewächse im Rollenspielgarten im Grunde genommen nur Midgard und DSA waren.

    Maelstrom habe ich auch zuhause, und stimmungs- und regeltechnisch zähle ich es zu den elegantesten Spiele, die ich kenne. Dragon Warriors halte ich auch für sehr schön, aber für meinen persönlichen Geschmack ist das Kampfsystem n büschen zu langatmig (weil sehr DSA-ähnlich). Dafür glänzt Legend, die Hintergrundwelt.

    Das alte Aventurien, so wie es in den Abenteuern und Regeln angedeutet war, ging schon in die richtige Richtung, finde ich: ein Teil Märchen, ein Teil Düsternis, ein Teil [hier Substantiv zu „hanebüchen“ einfügen]. Diese Herangehensweise an eine Hintergrundwelt war schön-typisch deutsch, was ich in diesem Kontext als Kompliment verstanden wissen will.

    Leideer hapert es mit der Umsetzung dieser Märchenartigkeit in den Regeln. Hier kommt wieder zum Tragen, daß zumindest DSA direkt von D&D und noch stärker von Tunnels&Trolls beeinflußt wurde, beides amerikanische Systeme.

    Das ist schade, weil halt typische 08/15-Fantasy-Kost dabei rauskommt, die eben die bezaubernde Hintergrundwelt nicht berücksichtigt. Wenn ich mir als Gegenbeispiel Maelstroms Magiesystem ansehe, bekomme ich leuchtende Augen: Die Erfolgschance von Zaubern hängt davon ab, wie viel oder wenig sie den Natur- und Wahrscheinlichkeitsgesetzen widersprechen. Je wahrscheinlicher ein Ergebnis ist (beispielsweise: Ein Gegner rutscht aus, weil es regnet), desto größere Erfolgschancen hat der Zauber. Es ist eben genau dieses Bild der Magie, das das europäische Mittelalter und die Epochen danach geprägt hat; umso bedauernswerter ist es, daß es in den einzigen beiden deutschen Rollenspielen keinerlei regeltechnische Umsetzung fand.

    Ich bastle zur Zeit auf jeden Fall an einer Umsetzung der Maelstrom-Magieregeln für DSA1… mal sehen, wohin mich das führen wird…

    Viele Grüße,
    Norbert

  8. Pingback: Ein neues Zaubersystem für DSA! « Diesem Herrn kann nicht vertraut werden

  9. FrauStänki schreibt:

    Hach ja …
    White Dwarf …. und Arcane erst …. DAS waren Kirsche und Sahnehäubchen der Rollenspielmagazine in Personalunion.

    Was die Künstler angeht, muß ich aber eingestehen, daß DL-bedingt gerade Elmore und Parkinson meine Fantasy geprägt haben – das war High Fantasy vom Feinsten!

    Genauso wie Blanche & Co natürlich Dark Fantasy prägten wie niemand anderes. Das war der Inbegriff des Dunklen Zeitalters!

    Ein sehr schöner Artikel! Genau richtig, um über Weihnachten melancholisch in alten Zeiten zu schwelgen …

    Frohes Fest den Mondbuchstaben und der Familie!

  10. Mondbuchstaben schreibt:

    Da kommt gleich ein Nachschlag…

    Ebenso Frohes Fest nach Hannover!

  11. Pingback: UK OSR spotted by Germans | Sorcerer Under Mountain

  12. faustusnotes schreibt:

    I had those games! (Dragon Warriors and Maelstrom)! I want to revisit Maelstrom because I remember it was quite good.

    Also I loved Robin Of Sherwood when I was a kid. I re-watched it a few years ago and loved it even more.

    (Sorry, no German, I had the misfortune of growing up in rural Australia so I had to choose between mathematics and languages).

  13. Mondbuchstaben schreibt:

    It is amazing how well Robin of Sherwood has aged. How many 80’s shows do you know for which this is true as well?

  14. Pingback: #RPGaDAY2015 – Frage 17 – WHFRP? DW? | MONDBUCHSTABEN

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