LotFP: Tower of the Stargazer und Fazit

Der Abschluss der Lamentations of the Flame Princess-Rezension widmet sich dem Abenteuermodul Tower of the Stargazer, das (wie schon das Setting-Heftchen Weird New World aus dem letzten Teil) auch als einzelner Release zu haben ist.

Buch 6: Tower of the Stargazer

In dem Abenteuerbändchen Tower of the Stargazer entlockt Raggi dem klischeehaftesten Sujet der Fantasy, dem verlassenen Magierturm, tatsächlich noch neue Seiten. Das Cover von Peter Mullen, dem „Gesicht“ der Old School, unterstreicht durch die Farbwahl und die Perspektive die Bedrohlichkeit und Andersartigkeit der Raggisch’schen Weird Fantasy, und die Architektur lässt erahnen, dass der Turm weitere Funktionen hatte als lediglich eine Heimstatt zu sein… es hat schon seinen Grund, warum sich das Landvolk von dieser durch Blitze und Gewitter geplagten Gegend fernhält.

Anders als die Abenteuer, die Raggi schon vor der LotFP-Box herausgebracht hat, zitiert dieses die Machart der klassischen D&D-Module am deutlichsten; auch das könnte Absicht sein. Der Umfang des Booklets ist überschaubar, eine DIN A5-Version der uralten Hefte: 16 Seiten plus abnehmbarer Umschlag, auf dessen Innenseite der Verliesplan zu finden ist.

Den Einstieg in das Abenteuer muss der Spielleiter selbst finden. Es gibt zwar Anregungen, die aber alle von der gleichen Grundannahme ausgehen: Wer kann schon der Verlockung eines einsam gelegenen, verlassenen Gemäuers widerstehen? In einem Einsteigerset ist dies tatsächlich ausreichend – man will das neue Spiel ja ausprobieren und lässt sich auf das offensichtliche Spielziel ein. Erfahrene Spieler brauchen da oft mehr Motivation, aber ein erfahrener SL findet schon beim Lesen des Moduls den einen oder anderen Aufhänger, um dem Turm des Sterndeuters einen höheren Zweck in seiner Kampagne einzuräumen.
Das Abenteuer dreht sich tatsächlich nur um das Erkunden des Ortes. Es gibt keinen Plot, keine Bedrohung, die die Welt in Atem hält, keinen Zeitdruck o.ä.

Die Hinterlassenschaften des Sternendeuters sind mannigfach und sehr tückisch; es gibt einige sehr unerfreuliche Möglichkeiten, das Leben zu verlieren. Doch keine davon ist unausweichlich, und es sind oft die Spieler selbst, die das Unheil freiwillig über sich bringen. Es ist theoretisch möglich, diesen Turm zu erforschen und mit Schätzen zu verlassen, ohne einen einzigen Hit Point zu verlieren. Wahrscheinlicher scheint jedoch, wenn man den bisherigen Spielberichten glauben darf, ein TPK

Dabei ist es als Einstiegermodul für niedrigstufige Figuren nicht sehr kampflastig und setzt mehr auf Erkundung und Verlockung. Der Turm ist gespickt mit Absonderlichkeiten, die sich in alltäglichen Gegenständen verbergen (Spiegel, Truhen, Schlössern), und Apparaturen, die die Grenze der Genres aufweichen (und wie aus der Sword & Sorcery eines Karl Edward Wagner inspiriert scheinen).
Die Spielwerte verwenden den knappen LotFP-Code, der sich in jede beliebige klassische D&D-Fassung (oder Abarten wie Herr der Labyrinthe) übersetzen lässt:

Creature: Armor Class as chain and shield, Move 3/4 unencumbered human speed, Hit Dice 5, Hit points 30, 1 cas attack doing d8 damage, Morale 12.

Und dass leichtfertiger Einsatz von Schwert und Magie nicht das prägende Merkmal der Old School oder des Verliespiels ist, zeigt eine der ohnehin raren Begegnungen, die eigentlich nur auf sozialem Wege bewältigt werden kann.

Dem Einsteigeraspekt wird auch dadurch gedient, dass Raggi seine Beschreibungen durch grau unterlegte Textkästen unterbricht, in denen er seine Beweggründe als Autor erläutert. Diese praxisnahen Kommentare helfen einem Erstling-SL besser als alle theoretischen Abhandlungen, wie man als Abenteuer-Designer denken sollte.

Auch Spieler anderer Old-School-Systeme dürfen bei diesem Abenteuer bedenkenlos zugreifen.

Fazit

Hat LotFP sein erklärtes Ziel erreicht?
Ist es das ideale Einsteigerrollenspiel?

Jein…

Verschiedene Faktoren behindern den Erfolg als Einsteigersystem. Da ist zuerst der Vertriebsweg und die geringe Auflage. Geringfügig mehr als 600 Boxen weltweit sind ein Tropfen auf den heißen Stein, selbst wenn sie ausschließlich Neueinsteiger erreichen würden – was sie nicht taten. Die überwiegende Mehrzahl der Boxen wurde von alten Hasen, Old-School-Hasen obendrein, erworben, die sich damit ihren dritten bis zehnten Retroklon ins Regal stellten.

Dass das Spiel im nicht-englisch-sprachigen Ausland nicht als Einsteigerspiel funktionieren kann, liegt auf der Hand. Aber eine Einsteigerbox, die auch im angloamerikanischen Raum nur in einschlägig bekannten Rollenspielläden und auf den Webseiten kleinstverlagfreundlicher Versandhändler zu finden ist, trägt Eulen nach Athen. Da ist das Boxen-Format verschenkt – es ist die Spieleschachtel, die erst im Umfeld gewöhnlicher Brettspiele ihre volle Wirkung entfaltet, wie die Red Box der D&D Essentials, die bei Target im Regal liegt.

Die Anmutung eines Kleinverlagproduktes könnte auch kontraproduktiv sein, um hippe, computerspielverwöhnte Jugendliche von den Konsolen wegzulocken. Man sieht es LotFP immer noch an, dass es handgemacht ist, bis hin zu verspielten Seitenrahmen in den verschiedenen Booklets; und wenn einige (wie ich) diese Ästhetik aus nostalgischen Gründen schätzen, so muss man doch wahrhaben, dass Warhammer Fantasy Battle, das neue Talisman, Magic the Gathering und Descent mit knalligeren Verkaufsargumenten in Gestalt von Artwork und Layout um den potenziellen Neukunden buhlen.

War deshalb alles vergebens?

Mitnichten! Uns Mentzer/BECMI-Fans hat Raggi die perfekte Mentzer-Neuedition gegeben, allein dafür müssen wir auf Knien danken.

Aber auch als Einsteigermodell ist LotFP wertvoll!

Es ist die Studie eines idealen Einsteigerproduktes, sozusagen das Rollenspiel-Äquivalent eines Konzeptautos. So müsste eine Einsteigerbox aussehen, inhaltlich und didaktisch, wenn auch nicht unbedingt grafisch und thematisch.
Weird Fantasy ist als Genre schlicht zu unbekannt, um die heutige Jugend ernsthaft neugierig zu machen und zu verlocken. Das gleiche Spiel hätte in aseptischer Warcraft– oder Final-Fantasy-Ästhetik weit höhere Chancen, frisches Publikum zu finden; oder wenn es so schmutzig-grau sein soll, dann wenigstens mit Warhammer-Fantasy-Logo (was freilich nie passieren wird).

Doch Raggi folgt einer Vision, er wird sich nicht verbiegen (wie sein Carcosa-Deal deutlich zeigt). So wird die LotFP-Box eine Studie bleiben, bis ein anderer Verlag das Vorbild aufgreift. Und die kommende Hardcover-Neuauflage wird sich bestenfalls als kleinerer Mitbewerber im D&D4/Pathfinder/Dragon Age-Markt etablieren, Kopf an Kopf mit Swords & Wizardry Complete Rules.

Vielleicht weiß Raggi dies auch, und das ist der eigentliche Grund für das Wehklagen der flammenden Prinzessin.

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