LotFP: Erster Eindruck und Tutorial

Lamentations of the Flame Princess ist sicherlich kein Rollenspielname, der leicht über die Lippen kommt. Selbst die Abkürzung ist ein Zungenbrecher. Dennoch wird man von diesem Spiel mehr hören, denn die limitierte Box („Deluxe Edition“) von LotFP hat es in sich – inhaltlich wie materiell:

Hintergrund und erster Eindruck

So wie andere Verlage ihre Namen aus der persönlichen Vergangenheit ableiten („Wizards of the Coast“ war der Name von Peter Adkisons privater AD&D-Runde) hat Autor und Verleger James Raggi den Titel seines früheren Heavy-Metal-Fanzines zweitverwertet. Lamentations of the Flame Princess war auch schon der Titel seines ersten Rollenspiels, das allerdings völlig anders aussah; statt der OGL verwendete es einen einfachen w6+Attribut-Mechanismus.

James Edward Raggi ist ein in Finnland lebender Amerikaner, der in den letzten zwei Jahren zu einer schillernden Figur der so genannten „Old School Renaissance“ geworden ist. Das erste Mal dürfte er Aufsehen erregt haben, als er bekannt gab, dass die Gründung seines Rollenspielkleinstverlages von der finnischen öffentlichen Hand gefördert wurde.
Die ersten Produkte des Verlages waren Abenteuer und Fallensammlungen, im handlichen DIN-A5-Format und durch Kopierdruck in Handarbeit erstellt. Inhaltlich richteten sich die Abenteuer an die Spieler der „alten Schule“: OD&D, AD&D und die einschlägigen Nachbauten.

Raggi musste allerdings feststellen, dass sich systemunhabhängige Supplements schwer verkaufen lassen. Der Handel versteht „für alle AD&D-artigen Spiele“ nicht. Auch wollte er sich nicht an einen der schon existierenden Retroklone binden („für Labyrinth Lord“ oder „für Swords & Wizardry“), weil er sich damit von der Vertriebssituation dieser Spiele abhängig machen würde. Wenn deren Macher es nicht schaffen würden, die Regelwerke in europäische (und amerikanische) Läden zu bekommen, hätte er mit seinem Zubehör auch schlechte Karten.
Also beschloss er, selbst ein Retro-Rollenspiel zu schreiben, dessen Vertrieb er steuern kann.

Noch ein Retroklon?“

Genau das war meine Reaktion auf seine Ankündigung. Und deshalb habe ich die Entwicklung auch nicht mehr genauer verfolgt. Zwar hat er in seinem Blog über ein Jahr lang eifrig seine Gedanken, Planungen und Entwürfe gepostet, doch wirklich bewegt oder interessiert hat mich das alles nicht – hatte ich doch in Swords & Wizardry meinen Favoriten unter den Klonen gefunden.
Oh, wie sollte ich mich irren…

Der Irrtum beginnt schon mit der Schublade „Retroklon“. LotFP ist kein Klon. Labyrinth Lord, S&W, OSRIC – sie alle versuchen eine spezifische ältere Inkarnation der D&D-Regeln unter Zuhilfenahme der Open Gaming License nachzubilden und somit wieder verfügbar zu machen. Weil dabei aus rechtlichen Gründen kosmetische Änderungen vorgenommen werden müssen (wie die Rettungswürfe bei S&W), sehen sie dann in entscheidenden Details doch anders aus als ihre Vorbilder.

Raggi hat für LotFP zwar die Mentzer Red Box als Vorbild genommen, aber statt diese D&D-Version nachzubauen, hat er sich lediglich an ihrem Anspruch, ihrer Zielsetzung und ihren Methoden orientiert, um seine ganz persönliche Vision der Dungeons & Dragons-Regeln umzusetzen.
Und diese Vision ist in Teilen das genaue Gegenteil Mentzers; sie endet zum Beispiel da, wo die Rote Box sich den Vorwurf eingehandelt hat, mit Blick auf den (US-)Massenmarkt „weichgespült“ und sprachlich verharmlost worden zu sein. LotFP zeigt Brüste auf dem Cover (ohne dabei vordergründig sexistisch zu sein) und in LotFP wird mitunter grausig gestorben. Wenn Mentzer also eher 80er-Jahre-Synthi-Pop war, ist Lamentations of the Flame Princess … eben Heavy Metal.

Bei einem Ziel gehen Mentzer und Raggi konform: Ihre Boxen wenden sich ausdrücklich an Rollenspiel-Einsteiger. Und das ist ein Novum in der OSR, die ja bislang eher unzufriedene 2e- bis 4e-Spieler umwirbt. Deshalb liegt in der Box auch ein Sammelsurium an Heftchen (Raggis „Appendix N“) und Spielbögen, Karo- und Hexpapier bei, sowie Würfel und ein Bleistift:

Es ist sehr interessant, wie viel davon schon in der ersten Erwähnung der Idee im März 2009 enthalten war (übrigens eine Reaktion auf einen Beitrag auf Grognardia).

Buch 1: Tutorial

Nach dem mit „Warning“ überschriebenen, ironischen Deckblatt des Boxen-Inhalts wird der Rollenspielneuling auf das Tutorial als erstes Buch hingewiesen.

Hier zeigt sich, dass Raggi seinen Mentzer geradezu verinnerlicht hat. Einer der besten „Was ist Rollenspiel“- und „Wie spielt man Rollenspiele“-Texte, die ich je gelesen habe, leitet über in ein sehr kurzes (aus nur 3 Abschnitten bestehendes) „Soloabenteuer“, in dem gleichzeitig die Macht des Würfels demonstriert und die Natur des Rollenspiels als Gruppenabenteuer erklärt wird. Als Bonus für Mentzer-Fans erinnert das Abenteuer an die Aleena/Bargle-Episode aus der Roten Box. Fantastisch.

Gleich anschließend wird der Leser in ein umfangreicheres Soloabenteuer geschickt.
In 149 Abschnitten zeigt Raggi, dass es so etwas wie eine Solo-Sandbox geben kann!
Der namenlose Held kann sich zwischen den Räumen des (zugegeben, kleinen) Dungeons hin und her bewegen und Räume häufiger besuchen, um Tipps nachzugehen, die er an tieferen Stellen des Dungeons erhalten hat. Sehr positiv: Das Verlies ist nicht geradlinig, und außerhalb der Kämpfe gibt es nur wenige „Du-bist-tot“-Momente. Da der Held unter Zeitdruck steht, muss er sich trotzdem genau überlegen, wo er Zeit verschwenden möchte.
Fast alle Abschnitte haben nur 2 oder 3 Auswahlmöglichkeiten, wie man das von Soloabenteuern kennt. Doch dann betritt der Held ein alchemistisches Labor, in dem ihm ganze 18 Handlungen zur Auswahl gestellt werden.
Raggi kommentiert in einem grau unterlegten Kasten:

„Dieser Raum lässt am ehesten die Ahnung aufkommen, wie es im Rollenspiel zugeht, wenn man die Möglichkeit hat, zu jeder Zeit einfach alles zu tun.“

Großartig.

Es folgt ein allgemeiner Teil, der mehr über die Spielweise von Rollenspielen erzählt: Vorbereitung des Spielortes, Aufgaben des SLs, die Natur der Regeln.

„Regel 0: Der Spielleiter hat immer Recht.
Regel 1: Sei kein Arschloch.“

Den Abschluss des Tutorials bildet ein langes Spielbeispiel (in japanischen Rollenspielkreisen „Replay“ genannt), in dem in Dialogform eine typische Session unter Anwendung aller Raggi’schen Prinzipien (der SL würfelt offen, gesagt-gesagt, das Leben ist kein Zuckerschlecken, lass bloß nicht die Taschenlampe Fackel fallen…) dargestellt wird.
Solche Texte haben wir alle auch schon häufiger gelesen, aber wieder muss ich feststellen, dass sich Raggis Version eines „Rollenspielmittschnitts“ interessanter und spannender liest als üblich. Natürlich wirken auch hier einige Dialogzeilen gezwungen und künstlich, wie z.B. das „zickige“ Gehabe von Enrico und die Frotzeleien zwischen den Spielern, aber insgesamt entlässt der Text den Leser um einige Erfahrungen reicher aus dem ersten Büchlein.
(Und ich verrate nicht, welche.)

Und damit ist man gewappnet für den harten Kern des Spiels, das zweite Buch: Rules.

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7 Antworten zu LotFP: Erster Eindruck und Tutorial

  1. Cyric schreibt:

    Der Eintrag endet, wenn man unbedingt mehr über das Spiel erfahren will. Kluger Schachzug. Also… sieh zu! ;)

  2. MSch schreibt:

    Als ich die Box aufgemacht habe, habe ich geweint, so schön war das drin zu wühlen.

  3. Stefan schreibt:

    Sind die Hefte auch alle in Handarbeit entstanden?

  4. Dirk schreibt:

    Soweit ich weiß sind alle Bestandteile gedruckt worden (im Digitaldruck natürlich, mit einer Auflage von irgendwas um die 650).

    Das Falzen und Konfektionieren der Boxen hat Raggi in Heimarbeit vorgenommen (sehr zur „Freude“ seiner Frau, wie er immer mal wieder in seinem Blog durchblitzen ließ).

  5. Pingback: Die Editionen von Lamentations of the Flame Princess |

  6. Pingback: #RPGaDAY2015 – Frage 5 – Dark Albion – The Rose Wars | MONDBUCHSTABEN

  7. Pingback: #RPGaDAY2015 – Frage 11 – James Raggi? | MONDBUCHSTABEN

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