Greyhawk

Keine Serie über Rollenspiel-Kartographie kann komplett sein ohne eine Lobpreisung einer der bemerkenswertesten Landkarten, die je ein Rollenspielprodukt geziert hat: Die beiden gewaltigen Posterkarten aus dem World of Greyhawk-Folio (bzw. kurz darauf der ersten World of Greyhawk-Kampagnenbox).
Gezeichnet wurde die Karte von der Künstlerin Darlene Pekul.*

Für Generationen von Rollenspieleinsteigern war diese Karte prägend, auch für mich. Meine erste D&D-Gruppe fand ich über den deutschen D&D-Bund, FSVs Interpretation des RPGA Networks. Spielrunden in Deutschland konnten sich bei FSV “offiziell” registrieren lassen und bekamen einen Eintrag in der Clubrolle. Jeder Club musste sich einen Namen geben (“Sturmriesen Hannover”, “Werhering Neuwied”, “Troglodyten Kreis Gütersloh” oder “Normale Menschen Berlin”), jedes Mitglied bekam eine Urkunde, und die Clubs wurden mit Kontaktadressen im Drache Magazin veröffentlicht.
Auf diesem Weg fand ich also zu meiner ersten Runde; einer Gruppe, die schon zwei Jahre zuvor Basic D&D (Moldvay Edition) aus England mitgebracht hatte. Dieses einfache D&D hatte man freilich schon längst hinter sich gelassen und war zu Advanced D&D “aufgestiegen”, was meine Neuanschaffung (die Rote Box) gleich obsolet machte, aber das ist eine andere Geschichte.

Ohne zu übertreiben: es war ein magischer Moment, als der Spielleiter Dungeon Master zu Beginn der ersten Session, zu der ich eingeladen wurde, die Greyhawk-Karte auf dem Tisch ausbreitete, mit einer Geste, die gleichzeitig Feierlichkeit und Routine ausstrahlte. Hatte ich bis dahin noch Zweifel gehabt, ob mir dieses merkwürdige Hobby, in dem man Spiele völlig ohne Brett spielte, gefallen würde, so waren sie mit dem Windhauch der Posterkarte hinweggefegt.
Hier war ich richtig…

Die besondere Darstellung der Landschaftsformen auf Darlenes Karte hat mich nachhaltig beeinflusst. Als ich selbst Spielleiter Dungeon Master wurde, habe ich nicht auf Greyhawk spielen wollen, weil ich die mittlerweile über 2-jährige gespielte Geschichte nicht kannte und ich dem anderen DM nicht ins Zeug flicken wollte, also begann ich eine eigene Kampagne (was auch den Vorteil hatte, dass ich unerfahrener DM mich nicht mit 8-10.-Stufen-Charakteren herumschlagen musste, sondern frisch erschaffene Figuren meine Gehversuche machen konnte). Aber auch das ist eine andere Geschichte…
Als wir Dragonlance 5 Jahre später abgeschlossen, war gerade die Forgotten-Realms-Box frisch erschienen – eine neue Welt für eine neue Kampagne. Mir gefielen allerdings die mitgelieferten Landkarten überhaupt nicht. Schon die Krynn-Karte war ein Abstieg gegenüber Darlenes Meisterstück gewesen, aber die blassen Realms-Karten waren eine Beleidigung für das Auge.
Also bin ich hingegangen und habe die Realmsmeine Version der Realms – im Stil der Greyhawk-Karte neu gezeichnet. Das gab mir die Gelegenheit, Namen aus anderen Produkten, die ich in der Zwischenzeit angesammelt hatte und die ich gewiss in der neuen Kampagne verwenden wollte, einfließen zu lassen.
Meine Dalelands:

Und komplett sah das so aus:

Wie man sieht, ist die Karte nie fertig geworden. Im Lauf der vielen Abende, die ich damit zugebracht habe, bin ich gewahr geworden, was mir an den Forgotten Realms nicht gefiel: Es war nicht bloß der flächige Colorationsstil, sondern auch die wie zufällig erscheinende Verteilung von Bergen und Wäldern. So brach ich meine Umarbeitung ab und wandte mich komplett einer anderen Welt zu. (Noch so eine andere Geschichte…)

Das war trotzdem nicht das letzte Mal, das mich Darlenes Stil beschäftigte. Als ich ein Mini-Kampagnensetting für die Microlite-20-Übersetzung brauchte, fand ich es nur passend, diese D20-Version zu ihren Wurzeln zurückzuführen.
So entstand die Region Astragard, eine Sandbox für Con-Runden:

Zum Abschluss noch ein ironisches Detail:
Meine erste D&D-Runde zerstreute sich im Lauf der Jahre in alle Winde. Nach vielen Jahren habe ich mal ein Revival gestartet.


“Wir bringen die Band wieder zusammen!”

Als Schauplatz wählte ich Greyhawk – nicht das Greyhawk der offiziellen Produkte, sondern das Greyhawk des damaligen Stammspielleiters. Ich habe die losen Fäden seiner damaligen Kampagne (soweit ich mich noch an sie erinnerte) aufgegriffen und fortgesponnen.

Die neue Kampagne begann in Ket, und ich zeichnete für das Revival diese Detailkarte, die so gar nicht im Greyhawk-Stil war:

Der Wald ist der Bramblewood Forest aus der originalen Greyhawk-Karte von oben…

* Darlene Pekul ist – so ganz nebenbei – die Autorin des ersten Sammelkartenspiels, das bereits 11 Jahre vor Magic: The Gathering erschienen ist: Jasmine: The Battle for the Mid-Realm. Das Spiel entstand auf der Grundlage einer 12-teiligen Comic-Bild-Erzählung (stilistisch vergleichbar Prinz Eisenherz), die 1980/81 in Dragon Magazine gelaufen ist. Als Dragon The Story of Jasmine nicht verlängern wollte, hat Darlene die Hintergrundstory in Kartenspielform ausgedrückt.
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6 Antworten zu Greyhawk

  1. Mondbuchstaben schreibt:

    Bei aller Liebe zu Darlenes Zeichenstil und vor allem ihrer Kalligrafie muss ich gestehen, dass mir Greyhawk inhaltlich rein gar nichts gegeben hat. Die Namensgebung der Orte kam mir immer komisch vor, und viele Jahre später habe ich auch erkannt, woran das lag:
    Gygax hat in dem Setting allerlei Anspielungen auf seine Kinder, Freunde und Begleiter verewigt, d.h. er hat Anagramme aus ihren Namen gebildet (oder sie lautmalerisch nachgebildet), was die merkwürdigen, zufälligen Buchstabenfolgen erklärt. (Das Muster zieht sich durch das ganze AD&D-Regelwerk, bei der Benamsung von Zauberformeln und magischen Gegenständen geht das weiter…)

    Sunndi – Cindy Gygax
    Ulek – Luke Gygax
    Ekul – nochmal Luke Gygax oder vielleicht auch Darlene Pekul
    Urnst – Ernie (Ernest) Gygax
    Ahlissa – Elise Gygax
    Womtham – Tom Wham
    Perrenland – Jeff Perren
    Geoff – nochmal Jeff Perren
    Blemu Hills – Brian Blume
    Keoland – Tom Keogh

    Jeder dieser Namen ist ein Loch im “Fourth Wall”, damit komme ich nicht klar.

  2. Deepfire schreibt:

    Karten sind schon unglaublich faszinierend für viele von uns – auch für mich sind sie eine der interessantesten Dinge in einem neuen Setting oder bei einem Abenteuer und meist das erste, das ich mir ansehe. Immer wieder stoße ich bei fertigen Abenteuern auf Anfangsprobleme, wenn keine Karten vorhanden sind, oder – noch schlimmer – wenn diese falsch sind.
    -
    Meine momentane Lieblingskarte ist die Wandtapetenähnliche D&D Mystara Karte, die es einzeln in 2(!) Teilen zu kaufen gab – Eastern und Western Map von Mystara – die mit zusammen 1,8 mal 1,5 Metern meine bisher glaube ich größte Karte ist … allerdings habe ich mir nie die Mühe gemacht, die Karten der Wilderlands Box zusammen zu legen und nachzumessen, kann mir kaum vorstellen, dass die kleiner ist …

  3. greifenklaue schreibt:

    Die Greyhawkkarten sind schick und die selbstgemachten erst recht.

  4. FrauStänki schreibt:

    Hiho!

    Was soll ich sagen? Die MondBuchstaben hatten schon immer gute Karten …

    Mit fantastischem Gruß
    aus der alten Heimat!

  5. Maelstorm schreibt:

    Hallo Dirk,

    deine selbstgezeichneten Karten sind wirklich fantastisch. Auch die “Schriftart”, die du gewählt hast gefällt mir ausnehmend gut, vorallem bei der Realms-Karte. Du hast nicht vor, die vielleicht mal zu digitalisieren und zusammengesetzt zu plotten?…

    Beste Grüße aus H, auch an die restliche Familie!

  6. Pingback: A Month Of Awesome Maps – RPG Cartography Carnival « A character for every game

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